What Lies Below Is Another Above
Die Villa Romana Preisträger*innen in Recklinghausen
Kunsthalle Recklinghausen, Recklinghausen
- Vernissage
- 12. September 2026 17:00 Uhr
- Finissage
- 22. November 2026 00:00 Uhr
Samuel Baah Kortey
Monai de Paula Antunes
Rubén D'Hérs
Diana Ejaita
Jessica Ekomane
Sajan Mani
Tuli Mekondjo
Elia Nurvista
Pınar Öğrenci
Chaveli Sifre
Raul Walch
Sergio Zevallos
What Lies Below Is Another Above beginnt mit einer einfachen Unmöglichkeit: Was unter uns liegt, ist niemals einfach nur darunter. Jeder Untergrund ist bereits eine andere Oberfläche.
Orte sind durchzogen von sich verschiebenden Zeitlichkeiten, vergessenen Infrastrukturen, verschütteten Gesten und unabgeschlossenen Geschichten, die die Gegenwart weiterhin bewohnen. Welten gehen ineinander über. Unerwartet tauchen sie wieder auf, in Landschaften und Materialien, in Körpern, Erinnerungen und Formen der Beziehung. Eine Oberfläche kann eine andere Geografie verbergen; was sedimentiert oder erschöpft erscheint, kann darunter noch immer in Bewegung sein.
In What Lies Below Is Another Above treten die künstlerischen Praktiken der Villa Romana Fellows der Jahre 2023 bis 2025 in Recklinghausen miteinander in Beziehung. Sie sind unabhängig voneinander, in unterschiedlichen geografischen Kontexten und aus unterschiedlichen künstlerischen Sprachen, Forschungsansätzen und politischen Dringlichkeiten hervorgegangen. Die Ausstellung ist weder um ein einzelnes Thema herum organisiert, noch wurden die Werke innerhalb eines gemeinsamen kuratorischen Rahmens entwickelt. Erst ihre Begegnung in Recklinghausen lässt eine neue Konstellation entstehen. Jedes Werk bewahrt die Autonomie und Eigenart seiner jeweiligen Entwicklung, während aus der Nähe neue Bedeutungen hervorgehen: zwischen den Werken und Praktiken sowie zwischen diesen künstlerischen Positionen und einem Territorium, dessen Boden dichte und vielschichtige Geschichten in sich trägt.
Diese Dynamik prägt die Villa Romana seit Langem. Künstler*innen, die von radikal unterschiedlichen Positionen ausgehen, bewohnen für eine begrenzte Zeit dasselbe Haus, teilen Zeit und Raum und verfolgen zugleich ihre jeweils eigene Recherche. Aus dieser Nähe entstehen Affinitäten, Reibungen, Gespräche und bisweilen unerwartete Formen der Interdependenz, ohne dass die Unterschiede verschwinden. Die Ausstellung trägt diese Ökologie von Florenz nach Recklinghausen, wo sie mit einem anderen Territorium, einer anderen institutionellen Geschichte und einer anderen materiellen Vorstellungswelt in Beziehung tritt.
Das Ruhrgebiet bildet für diese Begegnung ein besonders dichtes Terrain. Rohstoffabbau hat seine Landschaften, Architekturen, Ökonomien und sozialen Geschichten geprägt. Was unter Tage geschieht, verändert alles, was darüber liegt: Städte, Infrastrukturen, Arbeitsformen, Migration, politische Bewegungen, Körper und Lebensräume. Wie Kathryn Yusoff gezeigt hat, lässt sich Geologie selbst nicht von Kolonialismus, racial capitalism und der ungleichen Verteilung von Arbeit, Körpern und Ressourcen trennen. Unter der Oberfläche dieser Region erstreckt sich ein Geflecht aus Stollen und aufgegebenen Infrastrukturen, verbunden mit Geschichten von Klassenkampf und Migration sowie mit den Erfahrungen von Generationen migrantischer und rassifizierter Arbeiter*innen, deren Beitrag in den dominanten Erzählungen häufig an den Rand gedrängt wurde. Geologie und Sozialgeschichte sedimentieren sich im selben Boden.
Die in der Ausstellung versammelten Praktiken durchqueren diese Schichten auf unterschiedlichen Wegen. Sie bewegen sich zwischen mündlich überlieferten Geschichten und Archiven, Ritual und Ökologie, Landwirtschaft und Industrie, Klang und Erinnerung, Arbeit und materieller Kultur. Einige befragen das Fortwirken kolonialer Infrastrukturen; andere folgen versetzten Materialien, verdrängten Geschichten, migrantischen Körpern, Pflanzen, Frequenzen, Geistern oder Wissensformen, die sich den dominanten Regimen der Sichtbarkeit entziehen. Gemeinsam zeigen sie, wie Geschichten weit über ihr vermeintliches Ende hinaus weiterwirken.
Anna Tsings Begriff der disturbed landscapes eröffnet einen möglichen Zugang zu dieser Konstellation: Landschaften, die durch Rohstoffabbau, Entwurzelung und ökologische Zerstörung tiefgreifend verändert wurden und in denen das Leben dennoch weiterhin unerwartete Formen des Zusammenlebens hervorbringt. Es sind Praktiken, die in den Rissen gedeihen: nicht weil sie den Bruch feiern, sondern weil die Störung selbst zur Bedingung wird, unter der andere Beziehungen entstehen können. Die Fellows bewegen sich durch diese instabilen Landschaften und folgen dem, was überlebt, sich verwandelt, wiederkehrt oder Wurzeln schlägt.
hre Praktiken öffnen Passagen zwischen Extraktion und Fürsorge, Sichtbarkeit und Opazität, Gewalt und Reparatur, menschlichen Geschichten und tierischen wie animierten Welten. Sie verweilen bei dem, was eine Landschaft mit sich trägt, was ein Körper erinnert, was ein Objekt aufgenommen und was ein Archiv ausgeschlossen hat. Aus dieser Perspektive ist der Boden niemals neutral: Er ist dicht mit dem, was sich auf ihm und in ihm ereignet hat, und mit Möglichkeiten, die noch darauf warten, Gestalt anzunehmen.
Der Titel What Lies Below Is Another Above kehrt die Perspektive noch einmal um. Untergrund und Oberfläche bezeichnen keine einfache vertikale Hierarchie mehr. Jedes „Darunter“ kann zur Oberfläche einer anderen Welt werden; jeder scheinbar stabile Boden birgt andere Orientierungen. Nach unten zu schauen wird so zugleich zu einer Möglichkeit, anderswohin zu blicken. Der Bergbau hat die Erde durch Schächte und Stollen geöffnet und unter dem Ruhrgebiet eine umgekehrte Architektur geschaffen. Die Ausstellung nimmt diese räumliche Bedingung zum Anlass, die etablierten Koordinaten von „oben“ und „unten“, Zentrum und Rand, Sichtbarkeit und Verschwinden neu zu denken.
Die Ausstellung nimmt Gestalt an einem Ort an, der selbst tiefgreifende Transformationen durchlaufen hat. Die Kunsthalle Recklinghausen entstand in der Nachkriegszeit aus der Umnutzung eines ehemaligen Luftschutzbunkers: Eine Architektur, die dem Schutz im Krieg dienen sollte, wurde zu einem Raum für Kunst und Begegnung. Seither haben Generationen von Künstler*innen, auch im Rahmen des Kunstpreises junger westen, ihre jeweilige Gegenwart in dieses Gebäude eingeschrieben. Seine Wände bewahren diese sich überlagernden Geschichten, ohne sie zu einer einzigen Erzählung zusammenzufügen.
Villa Romana und Kunsthalle Recklinghausen begegnen sich so als zwei Institutionen, die auf sehr unterschiedliche Weise von der Frage geprägt sind, wie sich überlieferte Strukturen anders bewohnen lassen. Die Villa Romana, 1905 als Künstlerhaus und Ort künstlerischer Autonomie gegründet, wurde über die Jahrzehnte von den Generationen von Künstler*innen verändert, die dort gelebt und gearbeitet haben. Die Kunsthalle trägt die materielle Erinnerung an Zerstörung und Wiederaufbau in ihre Architektur eingeschrieben. An beiden Orten bleibt Geschichte lebendige Materie, mit der es sich auseinanderzusetzen gilt: ein Boden, den man aufgraben, bewegen und neu imaginieren kann.
What Lies Below Is Another Above bewohnt diesen Boden, ohne ihn festschreiben zu wollen. Die Werke folgen unterirdischen Verbindungen, vergessenen Passagen und versetzten Materialien und lassen Geschichten und Geografien miteinander in Berührung kommen, ohne ineinander aufzugehen. Es entsteht eine Landschaft aus Landschaften: Florenz und Recklinghausen, Plantagen und Bergwerke, häusliche Räume und industrielle Territorien, Archive und Körper, Erde und Atmosphäre.
Ob wir in die Tiefe graben oder uns in die entgegengesetzte Richtung bewegen: Vielleicht gelangen wir am Ende ganz woanders hin.
Was darunter liegt, ist ein anderes Darüber.
Die Ausstellung ist Teil von Mutual Presence, einem Austausch- und Kooperationsprojekt zwischen der florentinischen Villa Romana in Italien und der Kunsthalle Recklinghausen in Deutschland – den beiden ältesten deutschen Kunstpreisen.
Vom 6. Juni bis 31. Juli 2026 war mit Tales of Traces, Stones and Moonlight. der erste Teil dieser Zusammenarbeit in der Villa Romana in Florenz zu sehen und zeigte die letzten drei Preisträgerinnen des Kunstpreises „junger westen“, kuratiert von Dr. Nico Anklam, mit der wissenschaftlichen Mitarbeit von Kerstin Weber-Baumann und der kuratorischen Assistenz von Theresa Widua aus Recklinghausen.
Ab dem 13. September 2026 werden die Villa-Romana-Preisträger*innen der Jahre 2023, 2024 und 2025 in der Gruppenausstellung What Lies Below Is Another Above in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen sein, kuratiert von Dr. Elena Agudio und Mistura Allison aus Florenz.