Marl (WDR-3-Special)
Die RuhrKulturWalks sind wieder mit dem WDR unterwegs: Für diesen entspannten Spaziergang zur Kunst im öffentlichen Raum geht es nach Marl. Der Beitrag wurde innerhalb der Sendung Mosaik am 13. August 2021 ausgestrahlt und kann weiterhn in der Mediathek abgespielt werden.
In Marl gibt es zahlreiche Skulpturen, aber auch weitere kunstvolle Orte zu sehen. Startpunkt ist das Einkaufszentrum "Marler Stern" bzw. der City-See. Beim ersten Werk zählt auch direkt jedes Pfund:
1. Ulrike Kessl: Statt-Waage, 1997
Die Industrie- bzw. Ballenwaage, dient hier als Readymade – ein Alltagsgegenstand wird, oftmals unverändert oder mit nur kleinen Anpassungen, zum Kunstwerk gemacht. Die Waage bleibt aber weiterhin betriebstauglich. So können sich alle, die sich trauen, auf die Waage steigen und ihr Gewicht anzeigen lassen.
Die Statt-Waage (Statt = Standort, Stelle), ganz zentral vor dem Eingang des Einkaufszentrums platziert, verbindet den privaten mit dem öffentlichen Raum: Jede Person, die auf der Waage steht, wird durch die Zahl auf der Waage individuell dargestellt, aber auch Teil der öffentlichen Wahrnehmung. So tritt das Kunstwerk in den Dialog mit den Betrachtenden.
Nun geht es weiter, hinüber zum City-See. Rund um den künstlich angelegten See, der einen besonderen Lebensraum für viele Vogelarten bietet, stehen zahlreiche Skulpturen verschiedenster Art im öffentlichen Raum. Die erste dieser Skulpturen am City-See, die wir auf unserem RuhrKulturWalk betrachten, zieht die Blicke auf sich.
2. CARL FREDERIK REUTERSWÄRD: NON VIOLENCE, 1995-1999
Eine Pistole mit verknotetem Lauf, dazu der Titel "Non Violence": Hier wird schnell klar, auf was das Kunstwerk anspielt. Die überdimensionierte Pistole aus Bronze, deren Lauf mehrfach verknotet wurde, zeigt eine besondere Schaffenszeit des Künstlers, der auch einfach nur CFR genannt wird.
Nach dem Mord an John Lennon, der mit CFR befreundet war, begann der Künstler Anfang der 1980er Jahre mit der Serie "Non Violence" – das Motiv des Revolvers mit verknotetem Lauf wird dabei zum universellen Symbol gegen Gewalt. Verschiedene Varianten der Skulptur stehen heute auf der ganzen Welt, zum Beispiel vor dem UN-Hauptquartier in New York oder vor dem Bundeskanzleramt in Berlin.
Nun geht es weiter geradeaus, der City-See zur rechten Seite. Hier treffen wir auf das Werk eines Künstlers, der auch sehr bekannt ist und vom dem viele seiner Werke im öffentlichen Raum zu finden sind.
3. ULRICH RÜCKRIEM: GRANIT GESPALTEN, 1987
Vier fast gleichgroße Würfel aus blauem Granit, die übereinandergestapelt sind; der vierte ist als Sockel schon fast im Erdreich verschwunden und liegt außerhalb des Betrachtungsraums. Ein Markenzeichen Rückriems: Den Skulpturen sieht man den Bearbeitungsprozess an, denn das Material selbst wird zur Figur.

Nun biegen wir am Spielplatz vorbei in Richtung Bergstraße. Nach wenigen Gehminuten erreichen wir das nächste Kunstwerk, welches stark an ein Relikt der Industriekultur erinnert:
4. HAUS RUCKER & Co (Günter Zamp Kelp, Laurids und Manfred Ortner), Gasometer, 1979/81
Die österreichische Aktionsgruppe schuf ein Werk, welches im Ruhrgebiet bekannt ist: einen Gasometer als begehbares Kunstwerk. Das typische Stahlgerüst, welches auf einem kleinen Hügel liegt, kann begangen werden. So ändert sich die Perspektive auf besondere Weise. Industriekultur, Stadt und Natur verschmilzen zu einem Ganzen.
Über die Fußgängerampel geht es jetzt nach links und dann unter die Erde.
5. Verschiedene Künstler*innen: Y-Tunnel
Der Fußgängertunnel, der die Bergstraße mit der Hervester Straße verbindet, wurde 2019 von acht regionalen Street-Art-Künstler*innen gestaltet. Alle Motive handeln vom Thema "gehen", "laufen" oder "bewegen" und passen somit perfekt zu unserem Spaziergang.


Nun geht es heraus aus dem Y-Tunnel und links herum in Richtung Willy-Brandt-Gesamtschule. Über den Parkplatz der Gesamtschule hinweg lässt sich schon die nächste Station des RuhrKulturWalk erblicken, die sich an der Kreuzstraße 301-343 befindet:
6. Peter Faller, Roland Frey, Claus Schmidt, Hermann Schröder: Hügelhäuser
Zwischen 1965 und 1982 sind die berühmten Hügelhäuser von Marl entstanden, diese sind architektonisch besonders, denn sie unterscheiden sich stark von "normalen" Wohn- und Hochhäusern. Der Zweck der Bauten war vielseitig: Hier sollte bei niedrigen Baukosten ein neuer Wohntyp entstehen, der individuelles Wohnen und eine optimale Nutzung des Baugrundes ermögichte. Eine weitere Besonderheit: Jede Wohnung hat einen Balkon oder eine Terrasse.
Nun geht es weiter, rechts herum über Brücke, die über die Bahnschienen führt. Von dort aus folgen wir der Brüderstraße, bis sie in die Alte Brüderstraße abzweigt. Am Ende der Straße blicken wir schon auf das Theater Marl. Vor dem Theater steht das nächste und wohl größte Kunstwerk im öffentlichen Raum in Marl.
7. WOLF VOSTELL: LA TORTUGA
In der kollossalen, raumgreifenden Arbeit des Fluxus-Künstlers Wolf Vostell geht es um die kritische Auseinandersetzung mit der Schoa. Zu sehen ist eine Lokomotive, die verkehrt herum mit den Rädern in die Luft zeigt – wie eine Schildkröte ("La Tortuga"), die auf dem Panzer liegt. Eingerahmt wird die Arbeit durch drei Betonwände. Der Raum darf betreten werden.
Die Lokomotive, deren Baureihe im 2. Weltkrieg verwendet wurde, brachte als Güterzug Material an die Front oder deportierte Menschen in die Konzentrationslager. Auch daran soll das Kunstwerk erinnern.
Aus dem Inneren des Zuges dringen Stimmen, die sich überlagern: Sie zitieren Bibelstellen, erzählen von realen Ereignissen oder kommentieren das Geschehene – auf das es niemals vergessen wird.
Nun folgen wir der Straße "Am Theater" und lassen das Haus auf der linken Seite. Die Straße gehen wir weiter, dann überqueren wir die Fußgängerbrücke, um wieder am City-See auszukommen. Dort angelangt, begrüßen uns die verschiedensten Kunstwerke. So auch Ossip Zadkines "Großer Orpheus", der einladend mit einer Harfe auf das Wasser blickt.
Wir gehen nun auf der linken Seite des Sees entlang und folgen dem Pfad. Nun kommen wir vorbei an einem Klangkunstwerk.
8. Alexander Rüdiger Titz: Umlauf, 2002
Für die Klanginstallation wurde ein Kneipp-Becken umgenutzt: Das Werk besteht aus acht kreisförmigen Aluminiumplatten und sich darunter befindenden Lautsprechern, die in ungleichmäßigen Abständen verschiedene Töne abgeben. Zuhören lohnt sich!

Nun gehen wir nach links und über den Parkplatz in Richtung Skulpturenpark. Dort befindet sich, etwas versteckt, eine fruchtig-frische Skulptur.
9. THOMAS SCHÜTTE: MELONENSÄULE
Das rund 5 Meter hohe Werk aus Beton, Bronze und Lack ist die große Schwester der Münsteraner "Kirschensäule". Die Melonensäule befindet sich am Übergang zum alten Friedhof, der nun auch als Skulpturenpark genutzt wird und hinter dem Skulpturenmuseum Glaskasten Marl liegt.
Die Säule, die aus den klassischen Bestandteilen Basis, Schaft und Kapitell besteht, kann keiner klassischen Säulenordnung zugewiesen werden. Die darauf präsentierten Melonenstücke erinnern dabei schon fast an Pop Art – hier steht ein einzigartiges Werk.
Die letzte Station des Walks befindet sich direkt unter dem Rathaus, neben der großen Freitreppe am Creiler Platz:
10. SKULPTURENMUSEUM GLASKASTEN MARL
Die gesamte Ausstellungsfläche des Skulpturenmuseum Glaskasten Marl ist vollständig von Glasflächen umgeben und bietet somit immer einen Blick von außen. Die Exponate des 20. Jahrhunderts, der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst verschwinden so nicht hinter dicken Mauern, sondern können jederzeit betrachtet werden.
In der Sammlung befinden sich unter anderem Werke von August Rodin, Max Ernst, Alberto Giacometti, Wolf Vostell, aber auch von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern wie James Turell, Bogomir Ecker oder Isa Melsheimer.