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Paul Dierkes

Gespaltene Erde

Hamm

Carsten Gliese, Köln

22 Tonnen schwer mit einem Durchmesser von 2,80 Meter – die Skulptur Gespaltene Erde von Paul Dierkes ist ein wahres Schwergewicht. Im Schatten eines großen Baumes ruht die leicht ausladende Kugel aus Kleinwenderner Granit auf der Wiese vor dem Oberlandesgericht in Hamm. 1957 wurde die Skulptur vom Künstler gefertigt und im selben Jahr aufgestellt.
Die unruhige, grobkörnige Oberfläche der Granitkugel wird von tiefen Einkerbungen dominiert. Gleichmäßige, keilförmige Segmente wirken wie mit einem Beil aus dem massiven Gestein gehauen. Durch diese diagonalen Bearbeitungsspuren wird die Oberfläche rhythmisch gegliedert. Sie versetzt die Kugel gleichsam in Bewegung, wird zum Agens einer Drehbewegung. Vier Eisenwürfel dienen der Skulptur als Sockel, geben ihr den Anschein, vom Boden losgelöst zu sein – ein Schwebezustand. Masse und Wuchtigkeit des Granits bleiben dennoch präsent. Ein Spannungsfeld von Dynamit und Ruhe. Eine Spannung der Gegensätze wird auch in der Behandlung der Oberflächen deutlich. Der grob behauenen Sphäre, auf der jeder einzelne Meißelschlag zu erkennen ist, werden gerade Furchen gegenübergestellt. Sie fächern sich von der Kugelmitte aus auf wie Strahlen den Schnittflächen der Einkerbungen. Diese Aufgliederung der Fläche verstärkt den Eindruck von Bewegung und Rhythmisierung, verstärkt den Kontrast zwischen ganzheitlicher Oberfläche und einzelner Kerbe und entwickelt ein spannungsreiches Wechselspiel aus natürlich wirkendem, grobem Gestein und präzisen, geometrisch gegliederten Flächen. Der Ort der Aufstellung selbst bietet intensive formale Gegensätze. Die Skulptur steht mitten im großen Neubauwinkel vor dem Gebäude des Oberlandesgerichts. Auf der einen Seite steht die runde Form der Kugel einer streng gegliederten Fassade aus Beton, Stahl und Glas gegenüber, auf der anderen Seite dem Grün der Gartenanlage. Die tiefen Kerben auf der Kugeloberfläche wirken wie Verletzungen; Verwitterung und natürliche, bräunliche Färbung des Gesteins sind Hinweise auf die Vergänglichkeit selbst des ewigen Materials Granit. Tiefe Einschnitte in die Welt, eine bewegte, zerklüftete Oberfläche in der Phase der Umgestaltung. All dies könnte auf die Beziehung der Skulptur zu ihrem Aufstellungsort vor dem Oberlandesgericht anspielen. Paul Dierkes arbeitete in den 1950er- und 1960er-Jahren an mehreren Aufträgen zur künstlerischen Gestaltung des öffentlichen Raums. Die Nazis hatten seine Kunst als »entartet« diffamiert. Erst im Berlin der Nachkriegsjahre erhielt der spätere Professor für Holz- und Steinbildhauerei die verdiente Anerkennung als wichtiger Impulsgeber der deutschen Avantgarde. In dieser Zeit arbeitete er mit immer größeren Skulpturen aus Stein und Holz. Geometrische Körper dienten ihm als Ausgangsmaterial. Diese setzte er in spannungsvolle Kontraste, die durch Anordnung, Gegenüberstellung und rhythmisierende Oberflächengestaltung entstehen. Auch seine Skulptur Gespaltene Erde ist beherrscht von solchen Kontrasten. Der Betrachter wird immer wieder in die Spannungsfelder aus Drehung und Verharren, aus unbedingter Bewegung und wuchtiger Körperlichkeit hineingezogen. Die Skulptur verliert dabei aber nicht an Stabilität. Die Grundform bleibt bestimmend, und der sparsame Einsatz bildnerischer Mittel verleiht dem kalten Stein Leben.

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