Follow us on Facebook
Follow us on Instagram
DESwitch to German Website

Silke Wagner

Glückauf. Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet

Herne

Ferdinand Ullrich © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Auf einem mehr als 600 Quadratmeter großen Wandmosaik an der Außenfassade des Faulturms der ehemaligen Kläranlage Herne zeigt die Frankfurter Künstlerin Silke Wagner exemplarische Szenen aus der Geschichte der Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet seit dem späten 19. Jahrhundert. Als Beitrag der Künstlerin zum Projekt EMSCHERKUNST.2010 entwickelt, diskutiert Glückauf.
Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet Fragen zum Transformationsprozess der Region. Schon der Aufstellungsort des Kunstwerks an der Stadtgrenze zwischen Herne und Recklinghausen zeugt davon: Der unweit gelegene Stadthafen ist an einem Ende zur freizeitlichen Nutzung umgestaltet worden, während das andere durch ein in die Höhe ragendes Industriesilo bestimmt wird. Ein Rad- und Wanderweg verbindet den Hafen mit dem am Rhein-Herne-Kanal gelegenen Faulturm neben der ehemaligen Zeche Recklinghausen I. Mit einer Höhe von mehr als neun und einem Umfang von mehr als 66 Metern hat das aus 10 x 10 Millimeter großen Steinen zusammengesetzte Wandmosaik monumentale Ausmaße. Der zylindrische Mittelteil des Turms, auf dem sich das Bild befindet, beginnt in einer Höhe von etwa vier Metern über dem Erdboden, sodass der Betrachter auf Distanz bleibt, während er den Turm umkreist und mit emporgerichtetem Blick die einzelnen Wegmarken der Geschichte der Bergarbeiterproteste verfolgt. Die Ikonografie erinnert an großflächige Wandmalereien politischer Kunst des 20. Jahrhunderts, während die präzise zusammengesetzten Mosaiksteine auf altertümliche Kunstproduktion verweisen. Wie an einer archäologischen Stätte steht der Betrachter vor einem Bauwerk, dessen ursprüngliche Funktion obsolet geworden ist und blickt auf die Mosaikdarstellung einer vergangenen Ära. Ein Eindruck, dem jedoch die ikonografische Aktualität und die Transformation des Turmes zu seiner neuen Funktion als Träger des Kunstwerks entgegenstehen. Die rund 120 Jahre umfassende Chronik spannt einen Bogen von 1889, dem Jahr des ersten großen Massenstreiks im Ruhrbergbau, bis 2007, dem Zeitpunkt des politischen Entschlusses zum Ausstieg aus der Kohlesubvention. Die Stationen bis 1958 zeugen vom Arbeitskampf der Bergleute für bessere Arbeitsbedingungen, faire Mindestlöhne und Mitbestimmung in den Betrieben. Bedingt durch das beginnende Zechensterben seit den späten 1950er-Jahren, zeigen die Darstellungen von hier an Proteste, die sich gegen Massenentlassungen und Zechenschließungen richten. Den Bergarbeiterprotesten im Ruhrgebiet kommt für Silke Wagner eine über die Region hinausreichende Bedeutung zu. Die mit ihnen »einhergehenden Solidarisierungs- und Politisierungsprozesse waren wichtig […] für die Demokratisierung Deutschlands im frühen 20. Jahrhundert«, meint sie.
Das Wandmosaik in Herne ist ein Denkmal für die Arbeitskämpfe der Bergleute, das jedoch nicht in eine ruhrgebietsweit verbreitete Bergbaunostalgie einstimmt. Vielmehr verweist Glückauf. Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet auf die politischen und ökonomischen Verhältnisse der Gegenwart. Die jüngeren Entwicklungen im Bereich der Zeit- und Leiharbeit haben eine wachsende Arbeitnehmerschicht mit eingeschränkten Rechten und niedriger Entlohnung hervorgebracht. Das Beispiel zeigt, wie einst von den Bergarbeitern Erkämpftes heute bedroht ist. So betrachtet, formuliert das Wandmosaik von einer historischen Erzählung ausgehend die Aufforderung zur politischen Artikulation und Handlung in der Gegenwart.

Back to top