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Mario Merz

Fibonacci-Reihe

Unna

Carsten Gliese, Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Neon-Blau und in der Nacht weithin sichtbar, leuchtet am Schornstein der ehemaligen Lindenbrauerei in Unna eine Zahlenreihe, die zum Himmel aufzusteigen scheint. Sie gibt dem Betrachter zunächst ein Rätsel auf. Mitten im Zentrum der Stadt hat der italienische Künstler Mario Merz mit der sogenannten Fibonacci-Zahlenfolge eines seiner größten Werke realisiert.
Insgesamt sechszehn Zahlen führen ein Prinzip vor Augen, das auf den mittelalterlichen Mathematiker und Philosophen Leonardo Fibonacci zurückgeht, der mittels arabischer Ziffern eine Zahlenreihe zur Berechnung von Spiralen entdeckte. Die Zahlenreihe 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 usw. bei der sich die jeweils folgende Zahl aus der Addition der beiden vorherigen Zahlen ergibt, beschreibt eine Progression, die das Wesen von Wachstum und Evolution veranschaulicht. Spiralen spielen auch in dem Werk von Mario Merz eine zentrale Rolle als Sinnbild einer prozessualen Ordnung von natürlicher und geistiger Energie. Mario Merz war einer der führenden Vertreter der italienischen Arte Povera. In bewusster Abkehr von klassischen bildhauerischen Medien wie Bronze, Marmor, Holz oder Gips suchten Objektkünstler wie Merz in den 1960er-Jahren nach Werkstoffen, die noch unbelastet von jeder kunsthistorischen Tradition waren. »Che fare?« (Was tun?) – ein studentisches Graffiti, das, an eine Hauswand gesprüht, die allgemeine Existenzfrage stellte, inspirierte ihn zu einer ersten Auseinandersetzung mit Schrift in seinem Werk, die er fortan aus Neon formte. Neon wurde für Mario Merz zu einem zentralen Werkstoff, mit dem er Schriftzüge, Lichtlanzen und Zahlen produzierte. In den Objekten und Installationen kombinierte er Neon meist mit anderen Materialien wie Glas, Drahtnetzen und Eisenstangen sowie mit Reisig, Wachs, Steinen, Stoff und Erde bis hin zu Gemüse und Obst. Industrielle und natürliche Materialien als Ausdruck biologischer Prozesse werden in Merz’ Werken kontrastiert und vereinigt. Das moderne gegenwärtige Leben soll an einfaches, ursprünglicheres und naturnahes rückgebunden werden.
In Unna erstrahlt nun das Neonlicht auf dem Backstein eines ehemaligen Industriegebäudes. Der leuchtende Zahlenturm ragt 52 Meter in die Höhe und wird so zu einem Wahrzeichen für die Stadt. Das Lichtkunstwerk von Mario Merz weist von außen schon auf das weltweit erste Zentrum für Internationale Lichtkunst hin. Zehn Meter unter der Erde bieten die labyrinthischen Gänge, Kühlräume und Gärbecken der ehemaligen Lindenbrauerei faszinierende Projektionsflächen und Räume für Lichtkunstwerke. Die 2001 eröffnete Sammlung präsentiert mit ihren Lichtrauminstallationen herausragende Werke des 21. Jahrhunderts. Es hätte wohl kein besserer Standort für ein Lichtkunstmuseum gefunden werden können als das Ruhrgebiet, sind es doch gerade die Lichtkunstwerke, die der Region eine neue Verortung gegeben haben. Hier sind Schornsteine lange Zeit ein Sinnbild für wirtschaftliches Wachstum gewesen. Ihre Rauchzeichen, die heute zum Teil erloschen sind, waren einst Symbol für eine aktive Industrie. Nach dem Ende des Montanzeitalters braucht es neue Orientierungspunkte in der Landschaft, die von einem Leben vor Ort erzählen. Das Licht von Mario Merz hat in Unna seinen idealen Platz gefunden: Die Progression der Zahlen verspricht Unendlichkeit und lässt Hoffnung auf Zukunft entstehen, die mit der Neunutzung der alten Brauerei ein Stück weit schon Gegenwart geworden ist.

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