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Timm Ulrichs

Das Ganze und die Teile

Recklinghausen

Ferdinand Ullrich © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Eine Kreisfläche, gepflastert mit Porphyr, markiert eine Gedenkstätte, gelegen an einer belebten, innerstädtischen Straße in Recklinghausen. Ein breiter Streifen aus schwarzem Granit verbindet zwei Halbkugeln, die am äußeren Rand der Kreisfläche auf dem Boden stehen. Beide Halbkugeln tragen an den in den Kreis weisenden Schnittflächen Inschriften: »Recklinghausen 51‘36’55‘‘ NÖRDL.BREITE. 7‘11‘38‘‘ ÖSTL: LÄNGE« sowie »Jerusalem 31‘52‘34‘‘NÖRDL.BREITE 35‘13‘35‘‘ÖSTL: LÄNGE «. Schnell drängt sich der Vergleich mit beschrifteten Grabsteinen oder Gedenkplatten auf.
Die Schnittflächen selbst stehen nicht parallel. Die senkrechte Schnittfläche steht für Recklinghausen, die schräge dagegen für Jerusalem. Die Schrägstellung entspricht der Senkrechten in Jerusalem. Das beide Halbkugeln verbindende Steinband ist ebenfalls mit einer Inschrift versehen: »DISTANZ« und »3161 KM« sowie in der Mitte: »Wir gedenken der jüdischen Bürger unserer Stadt. Sie wurden unter der Herrschaft der Nationalsozialisten verfolgt und vertrieben, in Vernichtungslagern ermordet. Ihr Schicksal verpflichtet uns zur Wachsamkeit. Die Bürger der Stadt Recklinghausen.«
Beide Halbkugeln stehen sich genau gegenüber und treten in Beziehung zueinander. Die Skulptur ist in Richtung Jerusalem ausgerichtet, dessen Entfernung vom Mahnmal 3161 Kilometer beträgt. In der hier angesprochenen historischen Situation wurde die jüdische Bevölkerung Recklinghausens (im Werk durch »Jerusalem« symbolisiert) sowohl physisch als auch psychisch von dem Nazi-Regime verfolgt und »entfernt«. Hier und heute stehen sich die beiden Städte Jerusalem und Recklinghausen im Mahnmal von Timm Ulrichs gegenüber und dies kann durchaus für eine neue und dann dauerhafte Annäherung stehen. Die vom Künstler zentral eingesetzte Inschrift ist ein klares Bekenntnis der Bürgerschaft dafür. In direkter Nähe zum Werk befand sich bis 1938 die in der Pogromnacht, der sogenannten »Reichskristallnacht«, zerstörte Synagoge und so ist der Ort des Mahnmals eine direkte Bezugnahme auf die Ereignisse dieser Zeit. Ulrichs wählte mit dem Material Porphyr (altgriechisch: purpurfarben) einen sowohl kostbaren als auch symbolträchtigen Stein für die Grundfläche seines Mahnmals. Das aus vulkanischem Ursprung stammende Gestein wurde seit der römischen Antike stets ausschließlich für die Kaiser und ihre Familien verwendet und nur sie durften die im Boden eingelassenen Porphyrkreise betreten. Dies ist aber im Werk Ulrichs für jeden möglich und notwendig, um die Inschriften lesen zu können (dabei muss sich der Betrachter leicht verneigen!). Die Kreisform symbolisiert den Erdkreis und mag für die Einheit der Religionen stehen. Auch die sechs Meter Durchmesser des Kreises sind möglicherweise symbolisch zu deuten (es wird geschätzt, dass 6 Millionen Juden ermordet wurden). Timm Ulrichs nannte sein Mahnmal Das Ganze und die Teile, Mahnmal für die jüdischen Opfer des Faschismus in Recklinghausen. Mit Das Ganze und die Teile verweist der Künstler auf die antike Philosophie und insbesondere Platon, für den ein Ganzes eine aus allen Teilen vollständig gewordene Einheit darstellt. Wenn Ulrichs sich daran orientiert – was angesichts des Werktitels naheliegend ist – dann versteht er seine Arbeit durchaus in einem sehr didaktischen Sinne: Nur wenn alle Teile einer Gesellschaft (gleich welcher Herkunft) zu einer Einheit verschmelzen, wird daraus ein Ganzes - und eine starke unerschütterliche Gemeinschaft, die aus der Geschichte gelernt haben wird.

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