Emilio Vedova

Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen

Emil Schumacher Museum, Hagen

© Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Venedig / Venice Foto / Photo: Vittorio Pavan, Venedig / Venice
Vernissage
05. Juli 2026 11:00 Uhr

Die Ausstellung „Emilio Vedova – Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen “ widmet sich dem Schaffen des venezianischen Informellen Emilio Vedova (1919 – 2006) und nimmt insbesondere dessen Arbeiten der 1960er-Jahre in den Blick, die während seines Aufenthalts im Nachkriegsdeutschland entstanden sind.

Als Vedova 1963 mit einem Stipendium nach Berlin kam, hatte er sich in der westdeutschen Kunstszene bereits einen Namen gemacht — nicht zuletzt durch seine Beteiligungen an den ersten beiden documenta-Ausstellungen in Kassel.

Die junge Bundesrepublik stand zu dieser Zeit in einem hochbrisanten Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Einerseits war sie noch stark gezeichnet von den Nachwirkungen des Nationalsozialismus und den tiefgreifenden Folgen des Zweiten Weltkrieges, andererseits geprägt durch den gefährlichen Ost-West-Konflikt des Kalten Krieges. Zugleich wuchs das Bedürfnis der Menschen nach Veränderung und Neubestimmung. Diese angespannte Atmosphäre wurde für den Künstler zum entscheidenden Impulsgeber. In der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, aber auch mit den politischen Gegensätzen sowie sozialen und generationenübergreifenden Konflikten seiner Zeit entwickelte Vedova eine Bildsprache von außergewöhnlicher Energie und Dringlichkeit.

Die Ausstellung zeigt rund 30 Werke aus den Jahren 1963 bis 1965, darunter Collagen, Papierarbeiten und insbesondere die sogenannten „Plurimi“ — bewegliche Bildtafeln, mit denen Vedova die Grenzen der Malerei aufbrach und diese in den Raum hinein erweiterte. Die von großer Dynamik und expressiver Kraft zeugenden Objekte zwischen Malerei und raumgreifender Installation sind nicht allein Ausdruck formaler Experimente, sondern reagieren unmittelbar auf historische Erfahrungen und gesellschaftspolitische Spannungen. Bewegung ist hier nicht ein rein künstlerisches Gestaltungsmittel, sondern vielmehr Träger von Bedeutung — als visuelle Entsprechung von Unruhe, Konflikt und Veränderung. So äußerte Vedova 1964: „Mein Werk ist alles andere als eine Spielerei, Bewegung um ihrer selbst willen, ganz im Gegenteil “.

Mit seiner gestisch-expressiven, dynamischen Malweise steht das Werk Vedovas im Umfeld des Informel, das sich in der Bundesrepublik Deutschland Ende der 1950er- bzw. Anfang der 1960er-Jahre auf seinem Höhepunkt befand. Während viele informelle Künst­ lerinnen und Künstler sowie ihr damaliges Publikum die neu gewonnene Freiheit der abstrakten Kunst vor allem formal verstanden, verknüpfte Vedova gestische Abstraktion konsequent mit gesellschaftlichem Engagement. Seine Arbeiten der 1960er-Jahre machen auf eindrückliche Weise sichtbar, welch maßgebliche Rolle Zeitgeschichte für die abstrakte Nachkriegskunst spielte und dass diese sehr wohl als eine politisch aufgeladene Ausdrucksform lesbar ist.

Emil Schumacher (1912 – 1999) und Emilio Vedova schätzten einander sehr. Die Verbindung zwischen den beiden Malern ist für die Ausstellung im Emil Schumacher Museum von großer Bedeutung: Vedova wie auch Schumacher verkörpern zentrale Positionen des Informel und entwickelten von der gestischen Abstraktion kommend jeweils eigenständige künstlerische Handschriften. Im Land des jeweils anderen erlebten sie große Erfolge. Doch einte sie weit mehr als die formale Nähe und ihre gestisch-expressive Arbeitsweise. Ihr Verhältnis beruhte vielmehr auf ihrer persönlichen Verbundenheit und hohen gegenseitigen Anerkennung.

Emilio Vedova wird nicht nur als einer der wichtigsten Vertreter der europäischen Nachkriegskunst gewürdigt, sondern auch als ein Künstler, dessen Werk tief in die politischen und gesellschaftlichen Debatten seiner Zeit eingebunden ist. Die Ausstellung des informellen Italieners belegt die heutigen Interpretationen des Informel als politischen Ausdruck ihrer Zeit besonders anschaulich.

In Verbindung mit der Schau werden Arbeiten des Malers Bert Jäger (1919 – 1998) gezeigt, der Emilio Vedova 1962 kennenlernte. Die unter dem Titel „Sucht man nach verwandten Geistern “ präsentierten Bilder stammen aus der Sammlung von Irina und Helmut Laaff. Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen dem Kunsthaus Dahlem, Berlin, dem Museum Lothar Fischer, Neumarkt in der Oberpfalz, und dem Emil Schumacher Museum, Hagen. Sie entstand mit großzügiger Unterstützung der Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Venedig.

Zur Ausstellung ist ein zweisprachiger Katalog (dt./engl.) erschienen, herausgegeben von Dorothea Schöne, mit Texten von Rouven Lotz, Philine Pahnke und Dorothea Schöne

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