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Serge Spitzer

Untitled (ESSEN)

Essen

Andreas Ren, Bochum

Die Position auf einem der meistbesuchten Plätze der Essener Innenstadt, dem Kennedyplatz, scheint ideal dazu geeignet, ein Kunstwerk zu präsentieren. Viele Passanten, die den Platz mit seinen Cafés und Läden überqueren, gehen jedoch womöglich an dem Werk Untitled (ESSEN) vorbei, ohne es als Skulptur wahrzunehmen.
Die Stahlplastik in Form einer Helix aus einem sich emporwindenden Doppel- T-Träger, befindet sich am Rand des Platzes, an der Rückseite des heutigen Europa-Hauses und unmittelbar neben einer Straße. Serge Spitzer zählte zu den bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauern; er zeigte seine Werke auf der documenta in Kassel und der Biennale in Venedig. Spitzer hat in Essen eine Skulptur installiert, die durch das verwendete Bauelement, den Doppel-T-Träger, auch an die industriell geprägte Vergangenheit des Ruhrgebiets erinnert. Für Spitzer lag die Verwendung des Materials Stahl in Bezug auf den Standort Essen, der für Stahlerzeugnisse bekannt ist, auf der Hand. Der Künstler hat sich zudem bewusst für diesen Ort entschieden, ebenso wie für die direkte »Erdung« der Plastik, die er wie für ihn typisch ohne Sockel aufstellen ließ. Ihre Oberfläche ist mit einer Spezialbeschichtung versehen, die nicht nur vor Korrosion schützt, sondern auch jede Form von Glanz verhindert. Auf diese Weise wirkt die Stahlplastik im Alltagsraum ihrer Umgebung nahezu unauffällig und wird nicht selten als Untergrund für Botschaften von Sprayern genutzt. Dabei ist ihr Aufbau bei näherer Betrachtung äußerst bemerkenswert: Der Doppel-T-Träger, dessen Anfangs- und Endstück weit in die Umgebung reichen, steigt stetig und dabei auf sich selbst ruhend an. Als sollte die sich daraus ergebende gleichförmige Struktur durchbrochen werden – vielleicht auch um einen Blick in das Innere zu gewähren –, wurden Stahlplatten, wie Lappen gefaltet, an unterschiedlichen Stellen zwischen die Rundungen der Helix gezwängt. In der Architektur ist der Doppel-T-Träger als Stützelement wegen seiner hohen Belastbarkeit trotz geringen Materialaufwands unverzichtbar geworden. Beim Bau wird dieser Träger allerdings stets in gerader Ausführung verwendet, nicht zuletzt deshalb, weil unsere Architektur meist dem rechten Winkel folgt. Spitzer münzt die gebräuchliche Form dieses Bauelements um und beraubt es seiner alltäglichen Nutzung: Es gibt keine tragende Funktion, außer der, sich selbst zu stützen. Die durch Biegen entstandene Helixform stellt den Doppel- T-Träger scheinbar zweckentfremdet dar. Sie verdeutlicht die Energie, die in die Entstehung des Kunstwerks investiert wurde, in Form der Spannung des gebogenen Trägers und des zur Faltung der Stahlelemente notwendigen Drucks. Die Skulptur unterscheidet sich von der Architektur ihrer unmittelbaren Umgebung – den Gebäuden mit größtenteils glatt verkleideten Fassaden – durch den offen sichtbaren Aufbau der Plastik. Das 1999 errichtete Kunstwerk ist weder zentral positioniert, noch besitzt es eine dekorative Funktion auf dem weiten Platz, wie es ursprünglich an Spitzer herangetragen wurde. Vielmehr nutzt der Künstler das Potenzial des Durchgangsbereichs, dieses urbanen »Nichtortes«, und lässt so Umgebung und Skulptur in der Betrachtung unmittelbar miteinander korrespondieren.

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