Follow us on Facebook
Follow us on Instagram
DESwitch to German Website

Ayşe Erkmen

Namenstafel

Recklinghausen

Ferdinand Ullrich, Recklinghausen

Jedes Werk, das die türkische Konzeptkünstlerin Ayşe Erkmen im öffentlichen Raum realisiert, beginnt mit einer Analyse des Ortes. Auch für ihre Arbeit an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen hat Erkmen zuerst die räumlichen, sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen des Ortes untersucht. Hierzu gehören zum einen die Lage und Form des Gebäudes, zum anderen seine Geschichte, Funktion und seine Benutzer. Die Namenstafel verweist ganz konkret auf die größte Gruppe von Nutzern der neu erbauten Hochschule: die Studierenden.
In klar abgegrenzten, neben- und übereinanderliegenden Feldern auf der Glasfassade des Hauptgebäudes sind die Vornamen aller Studierenden des ersten Jahrgangs zu lesen: Andreas, Mehmet, Jörg, Özgür oder Claudia, Miroslaw, Andrej und Dragan. Ungewöhnlich ist hierbei nicht nur die Entscheidung, statt der Namen von Sponsoren und Berühmtheiten die Namen der rangniedrigsten Nutzer des Gebäudes aufzuführen, sondern auch die Beschränkung auf die Vornamen. Der Vorname ist dem Bereich des Privaten zugeordnet, in öffentlichen Einrichtungen wie einer Hochschule ist hingegen die Anrede mit dem Nachnamen üblich.
Mit der Beschränkung auf die Vornamen der Studierenden entzieht sich Erkmen der klaren Trennung von privatem und öffentlichem Raum. Sie offenbart die persönliche Dimension im öffentlichen Raum, ohne ihn im Privaten aufgehen zu lassen. Denn die Studierenden werden zwar persönlich gerufen, können mittels der Vornamen aber nicht identifiziert werden – sie bleiben für den Betrachter in ihrer institutionellen Rolle. Die Übertragbarkeit der Vornamen bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel, der für Erkmens Arbeitsweise charakteristisch ist: Transformation. Ausgehend von der stetigen Veränderung der Welt, verwendet die Künstlerin in ihren Werken flexible Strukturen, die sich an Raum, Zeit und Rezipienten anpassen. So erinnert die Namenstafel nicht nur an den ersten Jahrgang, sondern benennt zugleich die gegenwärtigen und zukünftigen Studierenden mit den gleichen Vornamen. Als zeitlich nicht fixiertes Denkmal reflektiert sie die bewegte Geschichte, die das Gebäude mit und durch seine wechselnden Nutzer erfährt. Im Innenraum der Hochschule kann dieser abstrakte Zusammenhang konkret erlebt werden. Bei Sonneneinfall werden die auf den sandgestrahlten Fenstern freigestellten Namen auf die Menschen im dahinterliegenden Treppenhaus projiziert, sodass diese für die Dauer ihres Aufenthalts mit den ehemaligen und zukünftigen Studierenden in eine räumlich-körperliche Beziehung gesetzt werden. Die Abhängigkeit der Situation von den Licht- und Wetterverhältnissen betont dabei, inwiefern nicht nur Gebäude und Nutzer einem permanenten Wandel unterliegen, sondern auch die Rezeption der künstlerischen Intervention. Trotz der prominenten Verweisstruktur der Namen erschöpft sich Erkmens Namenstafel nicht in ihrem Bezug zu den Nutzern der Hochschule. Aus der Ferne kaum entzifferbar, bilden die horizontal gereihten Buchstaben ein abstraktes Muster, das die Fensterflächen in einen gleichmäßigen Rhythmus versetzt und das Hauptgebäude von der benachbarten Bibliothek abhebt. Die Namenstafel besitzt demnach eine formal-ästhetische und eine inhaltlich-funktionale Komponente. Sie markiert die Form, Funktion und Bedeutung des Gebäudes und schafft zugleich eine räumlich-zeitliche Situation, welche die Nutzer des Bauwerks und die Rezipienten des Kunstwerks gleichermaßen einbezieht.

Back to top