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Ulrich Rückriem

Castell

Essen

Andreas Ren, Bochum

Ulrich Rückriem hat auf dem Gelände der Zeche Zollverein, dem heutigen UNESCO-Weltkulturerbe, im Essener Norden schon früh Zeichen für das Ruhrgebiet gesetzt: Bereits wenige Jahre nach der Stilllegung der einstigen Zeche ist das Gebiet 1992 von ihm kurzerhand zur Außenstation der DOCUMENTA IX erklärt worden – damals ein Novum in der Geschichte dieser Weltausstellung der Kunst. Sprichwörtlich im Schatten der imposanten Schachtanlage XII, die 1928 als größte und modernste Zeche Europas von den Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer erbaut wurde, wählte Rückriem eine riesige Industriebrache zum ungewöhnlichen Aufstellungsort seiner mehrteiligen Skulpturen.
Die Entscheidung kam einer bewussten Besetzung gleich, denn es bestanden wohl bereits Pläne für eine Nutzung als städtische Bauschuttdeponie. Heute bilden die grob zugehauenen Steinstelen des Bildhauers Fixpunkte und Orte der Besinnung in dem riesigen Areal der Zeche Zollverein zwischen Schacht XII und der Kokerei. Auf einer »Lichtung« der Zechenbrache ruht die Skulptur von Ulrich Rückriem: 24 monumentale Granitquader formen hier einen Raum, der sich von der weiten Landschaft abgrenzt. Castell – so lautet der wehrhafte Titel der Arbeit. Doch weniger Verteidigung als Schutz bietet diese begehbare Skulptur, denn von hohen Steinmauern umgeben, entsteht im Inneren ein stiller Platz, der zur Meditation einlädt. Durch ein Achsenkreuz öffnet sich die Skulptur nach außen – der Blick geht frei in alle Himmelsrichtungen, hinein in die Geschichte dieser industriellen Landschaft. Obwohl die Natur das Terrain stetig zurückerobert, sind die einstigen landschaftszerstörenden Energien des Montanzeitalters noch zu erahnen. Hier vermag gerade die wuchtige Gestalt der unter immensem Krafteinsatz im Steinbruch gehauenen Steine auf ideale Weise die raue Atmosphäre einer von harter körperlicher Arbeit geprägten Vergangenheit Ausdruck zu geben. Ulrich Rückriems Arbeit ist von einer elementaren Kompromisslosigkeit gekennzeichnet: »Wieder weg vom Stahl habe ich mir überlegt, was ist der Stein eigentlich, wirklich. Im Steinbruch ist mir dann bewusst geworden, was das für schwere Blöcke sind. Diese Kraft wollte ich nicht mehr schwächen, höchstens verstärken. Die ersten Prozesse, die im Steinbruch mit dem Stein gemacht werden, wie spalten und schneiden – das ist praktisch der Anfang von den Arbeiten, den ich seit Jahren mache. «
Die Größe eines Steins muss, wie Rückriem sagt, visuell verständlich bleiben. Der Prozess der Bearbeitung darf nicht vom Stein wegführen, immer muss sein Ursprung sichtbar bleiben. Genau diese Ursprünglichkeit der Skulptur ist es, die der Landschaft auf Zeche Zollverein ein angemessenes kraftvolles Gegenüber zu bieten vermag – erhaben und doch jenseits aller nostalgischen Verklärung.

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