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Ansgar Nierhoff

Abstufungen/Graduations

Mülheim an der Ruhr

Andreas Ren, Bochum © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Wer heute die Plastik auf der Grünfläche in direkter Nähe zum Eingang des evangelischen Krankenhauses und der Augenklinik in Mülheim betrachtet, wird nur zum Teil den Titel Abstufungen/ Graduations und die ursprüngliche Wirkung des Werks nachvollziehen können. Teilweise von dichtem Efeu umrankt, der Teile des Kunstwerks zunehmend in die Landschaft der kleinen Grünanlage überführt, ist der formale Zusammenhang der beiden aus Cortenstahl gearbeiteten Brammenteile heute vor allem über ihr Material und ihre Größe ersichtlich.
Ansgar Nierhoff hat 1985 diese zweiteilige Arbeit, die aus gleich großen Stahlelementen besteht, an diesen Platz gesetzt. Jeweils vier Abstufungen im unteren Teil der Platten führen zu einer Gesamtlänge von 10 Metern und einer Höhe von 1,6 Metern. Die Positionierung der einzelnen Elemente gibt Aufschluss über die Idee, die sich hinter der Skulptur verbergen könnte. Nierhoff setzte einen Teil des Kunstwerks in unmittelbare Nähe zum Krankenhausgebäude, einem niedrigen Bau, dessen Dach waagerecht abschließt und dessen Fassade durch senkrechte und waagerechte Linien in hochrechteckige Felder gegliedert ist. Der Teil der Skulptur, der sich in der Nähe des Gebäudes befindet, ist hingegen so platziert, dass sämtliche Kanten, die sich nach oben beziehungsweise unten ergeben, diagonale Linien bilden. Zudem ist dieser Brammenteil nicht parallel zum Krankenhaus, sondern ebenfalls nahezu in einer Diagonalen vor den Bau gesetzt. Das andere Element der Doppelarbeit befindet sich in größerer Distanz zu den Gebäuden und ruht mit den an den Enden liegenden Abstufungen auf der ansteigenden Rasenfläche. Diese Aufstellung führt einerseits zu einer gänzlich waagerechten Ausrichtung der Bramme, andererseits bildet ihre Anordnung eine exakte Parallele zum benachbarten Krankenhausbau. Die für Nierhoffs Werke typische, direkte und sockellose Verbindung mit dem Aufstellungsort und die Art der Positionierung dieses Skulpturenpaares lassen Gelände- und Gebäudestrukturen ihrer Umgebung deutlicher werden: Der domestizierte Raum unserer Kultur, der sich in den senkrechten und waagerechten Strukturen der Gebäude wiederfindet, wird konterkariert durch die diagonale Linienbildung des benachbarten Skulpturteils. Dagegen wird der »Naturraum«, der ansteigende Hang, durch die strikt horizontal und vertikal eingesetzten Abstufungen der dort aufgestellten Stahlbramme geradezu neu vermessen. Der im Jahr 2010 verstorbene Künstler Ansgar Nierhoff bevorzugte das Material Stahl, einen Werkstoff, den er nicht als modellierbares Ausgangsmaterial sah oder als bloßen Träger einer figuralen Darstellung. Vielmehr werden die mit dem industriellen Erzeugnis einhergehende Masse und das Gewicht zum Thema. Auch in Mülheim hat Nierhoff durch die Materialwahl und durch die Art der Aufstellung der Brammenteile, durch das Setzen auf ihre Kanten, Leichtigkeit und Schwere thematisiert. Der Künstler zeigt mit dieser Arbeit die verschiedenen Möglichkeiten in der Wahrnehmung des Materials Stahl durch Form und Aufstellung des Kunstwerks. Darüber hinaus verdeutlicht er das Thema der Ortsspezifik, der besonderen Beziehung eines Werks zur Umgebung und der so möglichen Interaktionen zwischen Kunst und Aufstellungsort.

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