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Ferdinand Kriwet

o. T.

Bochum

Thorsten Koch, Bochum

Als Künstler hat sich Ferdinand Kriwet nie für die klassischen Disziplinen wie Malerei und Bildhauerei interessiert. Von Beginn an steht im Mittelpunkt seiner Malerei, seiner Musik, seiner Texte, seiner Poesie und anderer Mixed-Media-Werke das Wort. Seit 1961 arbeitete er als Hörspielautor. Sein erstes Hörspiel hatte den programmatischen Titel Offen. Den Hörspielen folgten die Sehtexte, mit denen Kriwet das traditionelle Medium des Buches verließ. Er ist ein Pionier beim Finden von anderen Sehorten.
Er sucht sich Plakatwände für seine Wortbotschaften. In Ausstellungen setzt er diese Auseinandersetzungen fort und verfasst theoretische Konzepte, um die ungewöhnlichen Schritte zu untermauern. Er pendelt zwischen bildender Kunst und Literatur, versteht sich selbst aber als bildender Künstler. Seine Rotoren, die die Buchstabenbotschaften aufnehmen, entwickeln sich zu Bildträgern. Sie können überall gezeigt werden. Sie sind nicht spezifisch raum- oder gar museumsabhängig. Er geht dorthin, wo die Reizüberflutung unserer Mediengesellschaft stattfindet. Er argumentiert gegen deren Beeinflussung der Sehgewohnheiten. Kriwet analysiert die Sprachstrukturen von Fernsehen, Werbung und Fotografie. Mit Neonschriften, Wandbemalungen, Leitsystemen und skulpturalen Rotoren im freien Raum unterläuft er die gängige Schnelligkeit dieser Informationssysteme. Seine Sprachfindungen stellt er oft als verblüffende Worterfindungen dagegen. Die nicht zu übersehenden Wortflächen müssen gelesen werden. Der Betrachter wird gefordert. In den kreisrunden Abfolgen von Buchstaben gibt es keinen Anfang und kein Ende mehr, so wie wir es von Buch oder Plakaten gewohnt sind. Deshalb arbeitet der Künstler gerne mit Werken ohne Titel. Die Ruhr-Universität Bochum ist ein Ort der Wörter, der Schrift, des Forschens und Nachdenkens. Die Mensa ist ein Ort des Aufnehmens und des Intervalls. Hier ist ein menschliches Grundbedürfnis angesagt: das Essen. Genau hier platziert der Künstler sein Werk Ohne Titel in großen Scheiben aus Plexiglas und Leuchtstoffröhren. Wir lesen Worte wie »Zeichen«, »Normal«, »Sprich«, »Erkenne«, »Denken«, »Hymen« beziehungsweise »Enthymen«, »Erfahren«, »Decke«. Dazwischen erkennen wir weitere Buchstaben, die unterschiedlich zugeordnet werden können oder einfach wie eine Abkürzung für sich stehen. Die Begriffe tragen einen Aufforderungscharakter zum Nachdenken. »Umwelt«, »Test«, »Psychologos«, »Sozial«, »Biologie«, »Psychogen« sind Begriffe, die zahlreiche Assoziationen auslösen und so zu einer privaten oder öffentlichen politischen Diskussion führen können. »Traum« oder »Trauma«, »Sport«, »Technik« oder »Sporttechnik«, »Kult« oder »Technikult« sind Denkschwellen, die der Leser nutzen kann, um über die Welt nachzudenken. Die Wortkombinationen, die grammatikalisch nicht richtig sein müssen, umkreisen jeweils ein Logo, das ebenfalls nicht eindeutig zu lesen ist. Die Lesetafeln haben eine Vorder- und eine Rückseite, sodass sich beim Lesen die Kombinationsmöglichkeiten fast bis ins Unendliche erhöhen. Auch die einzelnen Tafeln können inhaltlich zueinander in Beziehung gesetzt werden. Kriwet liebt es, Begriffe zusammenzuziehen oder sie durch einzelne Buchstaben zu trennen, die oft nicht zu passen scheinen. Der Leser wird zum interaktiven Partner, der die Kunstwerke als Ausgangspunkt eines erweiterten Sehens, Lesens und Denkens nehmen kann. Dieser Dialog ist immer wieder anders. Die Zusammenhänge ändern sich plötzlich. Der einzelne Student erkennt andere Lesemöglichkeiten mit wiederum anderen Inhalten und Ausgangspositionen. Kriwet versteht es, die Kompliziertheit unseres Lebens in ganz ungewöhnlichen Wortspielen kritisch zu durchleuchten.

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