Foto: Andreas Ren, Bochum

Stadt
Essen
Ort
Emscher Park, Lohwiese 46
Künstler
Raimund Kummer
Jahr
1987
Maße
ca. 600 x 300 x 150 cm
Material
Edelstahl, Beton, Granit

Raimund Kummer

Schwelle

1987 wurde auf dem renaturierten Areal einer ehemaligen Abraumhalde die Großplastik Schwelle von Raimund Kummer errichtet. Heute erinnert an dieser Stelle kaum noch etwas an die industrielle Hochzeit des Ruhrgebiets. Bereits 1989, zwei Jahre nach der Aufstellung des Werks, begann die Planung der Internationalen Bauausstellung (IBA), die unter dem Vorhaben »Emscher Park« den Startschuss für den Wandel des nördlichen Ruhrgebiets gab.

Die Kulturhauptstadt RUHR.2010 knüpfte an diese Zielsetzung an und machte mit dem Projekt EMSCHERKUNST.2010 überregional auf das Ruhrgebiet aufmerksam. Zahlreiche ortsbezogene Kunstwerke siedelten sich entlang der Emscher an und gesellten sich zu Raimund Kummers erster hier verwirklichter Plastik. 1987 war die Plastik nahe der Emscher noch ein einsamer Satellit. Im Rahmen der Ausstellung Im Auftrag – Kunst im öffentlichen Raum, zu der das Museum Folkwang Künstler eingeladen hatte, Werke für die Stadt Essen zu schaffen, realisierte der Bildhauer Raimund Kummer seine Schwelle. Inmitten eines heute wild bewachsenen Grünstücks ragt ein über sieben Meter hohes Tor aus Granit in die Höhe. Mit zwei bewegbaren Flügeltüren bestückt kommt das Objekt einem Werkstor gleich und spielt auf die industrielle Vergangenheit ebenjenes Ortes an. Damit spiegelt das Werk Kummers künstlerische Arbeitsweise. Der öffentliche Raum steht im Mittelpunkt seiner Arbeit: Seine Werke entstehen aus den Bedingungen und der Beschaffenheit des jeweiligen Ortes. Dabei schafft der heute in Berlin und im italienischen Ripatransone lebende Künstler nicht selten Situationen, die verfremdend wirken. So sorgt auch das architektonische Gebilde inmitten der Natur für Irritation beim Betrachter. Wozu dient eine Tür, wenn es keinen Innen- beziehungsweise Außenraum gibt? Indem Kummer zwei Elemente aus unterschiedlichen Kontexten kombiniert, betreibt er ein Spiel mit der Wahrnehmung. So auch 1982, als er in einem Wohnviertel in Köln-Ehrenfeld temporär einen Schiffsschornstein zwischen den Häusern errichtete. Kummers Interventionen machen Räume, in denen wir uns tagtäglich bewegen, neu erfahrbar. Sie machen unseren konditionierten Blick auf die alltägliche Umgebung bewusst, in der kein Raum bleibt für anderes. Eine Schwelle markiert eine Grenze, die ein müheloses Weitergehen verhindert. Wer die Einladung zum Überschreiten der Schwelle annimmt, dem eröffnen sich neue Perspektiven. So steht Kummers Schwelle nicht nur metaphorisch für den Abschied von einer industriellen Vergangenheit, sondern zugleich für den Ausblick auf ein neues Zeitalter der Region, die im Wandel begriffen ist. Wie ein Rahmen säumt das überdimensionale Tor unseren Blick und lässt ein Bild entstehen, in dem die reale Natur in den Fokus rückt. Zum Ausdruck kommt hier nicht nur die Vorstellung von einem aktiven Betrachter, dessen Blick selbst Bilder produziert, sondern womöglich bereits die Voraussicht auf die Entstehung einer mit Kunstwerken bestückten Flusslandschaft. Wenn nicht ein »Tor zur Welt«, so hat Kummer doch ein »Tor zum Emscherpark« geschaffen, dessen vernachlässigter Zustand der einst zukunftsweisenden Dimension nicht gerecht wird. Abseits des Radweges versteckt sich die Schwelle hinter Bäumen und Sträuchern und wird mehr und mehr von der Natur erobert. Wer das Objekt jedoch einmal entdeckt hat, kann erahnen, welch entscheidende Rolle dem Werk Raimund Kummers als wichtigem Bezugspunkt für andere Arbeiten wie zum Beispiel dem Carbon Obelisk von Rita McBride zukommt, der unweit der Schwelle direkt am Emscherradweg in die Höhe ragt.