Foto: Thorsten Koch, Bochum

Stadt
Bochum
Ort
Haus Weitmar
Künstler
Erich Reusch
Jahr
1978
Maße
dreiteilig, 220 x 220 cm, 112,5 x 124 cm, 174 x 174 cm
Material
Cortenstahl

Erich Reusch

Plastik Frankfurt

Abseits der zentralen Wegachse durch den Park des Hauses Weitmar in Bochum ist die Plastik Frankfurt von Erich Reusch platziert. Wie bei vielen der Werke Reuschs lässt sich auch die Plastik Frankfurt nicht auf den ersten Blick erschließen. Sie besteht aus drei rechteckigen Elementen aus Cortenstahl, die in einem gewissen Abstand zueinander in einer Linie angeordnet sind.

Zwei der Elemente liegen flach auf dem Boden, das dritte steht aufrecht. Von Weitem sind die liegenden Elemente durch ihre Einbettung in den Rasen kaum zu erkennen, nur die stehende Stahlplatte ragt gut sichtbar über die Grasfläche hinaus. Das erste der liegenden Elemente besteht aus einem quadratischen Stahlrahmen, der circa 20 Zentimeter breit ist und scheinbar ein Stück Rasenfläche einrahmt. Das zweite Element ist ein durchgängiges, fast quadratisches Stahlblech. Die dritte stehende Stahlplatte ist ebenfalls quadratisch. Sie bilden einen lockeren Verbund. Dazwischen entfaltet sich ein imaginärer Raum, ein Spannungsverhältnis, das der Betrachter durch seine Bewegung aus unterschiedlichen Blickwinkeln wahrnehmen kann. Der Raum ist für den Bildhauer und Architekten Erich Reusch zentrales Thema seiner Arbeiten. Seine Werke akzentuieren den bestehenden Raum und schaffen so für die Betrachter ein neues Wahrnehmungs- und Erfahrungsfeld. Reusch prägte für seine Werke den Begriff der »dezentralen« Skulptur. Dies bedeutet für ihn, dass die Skulptur den Blick von sich selbst weg auf etwas lenkt, was nicht wirklich anschaubar ist: den Raum, der sie umgibt und den sie zwischen sich aufspannt.1 Mit der Platzierung seiner Arbeiten will Reusch auf das Übersehene und Selbstverständliche von natürlichen und alltäglichen Gegebenheiten hinweisen und diese den Betrachtern bewusst machen.2 In ihrer unspektakulären Form verstellen, verdrängen oder besetzen seine Plastiken den Raum nicht, sondern greifen durch die Auflösung ihrer Formation in den Raum hinein. Seine Werke haben dabei keinen Mittelpunkt, von dem aus sie sich in den Raum hinein entfalten, auch besitzen sie keinen zentralen Betrachterstandpunkt. Vielmehr sollen sie, so Reusch, »solche Dimensionen haben, daß sie vom Betrachter nicht mit einem Blick übersehbar sind, sondern nur durch nachzeitiges Durchschreiten oder Durchwandern des Raumes voll erfaßt werden«3. Bezogen auf die Plastik Frankfurt in Bochum bedeutet dies: Erst indem der Betrachter die Rasenfläche betritt, dort die zwei auf dem Boden liegenden Elemente wahrnimmt und zwischen allen drei Elementen hin- und hergeht, kann er sie vollständig erleben. Plastik Frankfurt akzentuiert den sie umgebenden Raum auf verschiedene Weise. Zum einen verweist sie auf die Rasenfläche allgemein und bringt durch ihre Präsenz diesen Raum für den Besucher ins Bewusstsein. Zum anderen spannen die drei Elemente einen imaginären Raum zwischen sich auf. Der Abstand zwischen den einzelnen Stahlplatten ist nicht mehr nur einfache Rasenfläche, sondern wird zu einem entscheidenden Teil des Werks selbst. Dabei erstreckt sich der Raum, den die drei Elemente verbinden, nicht nur horizontal, sondern bekommt durch die aufgestellte Platte auch eine vertikale Ausrichtung und wird somit zu einem dreidimensionalen Raum.


1
Vgl. Franz, Erich: »Freiheit des Sehens«, in: Reusch – Malerei – Zeichnung, Ausst.-Kat. Kunstverein Lippstadt, Lippstadt 2005, o. S.
2
Vgl. Adolphs, Volker: »Der Raum, die Leere, der Ort«, in: Erich Reusch. Arbeiten 1954–1998, Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bonn, Köln 1998, S. 16–23, hier: S. 17.

3
Erich Reusch, zit. nach: »Aus zwei Gesprächen zwischen Max Imdahl und Erich Reusch«, in: Erich Reusch, Teil II, Ausst.-Kat. Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf 1976, o. S.