Foto: Andreas Ren, Bochum

Stadt
Essen
Ort
Gladbecker Straße/ Johanniskirchstraße
Künstler
Johannes Brus
Jahr
1988
Maße
210 x 500 x 400 cm
Material
Steinguss mit Stahlarmierung, 4 Stahlkokillen, Betonplatte

Johannes Brus

Nashorn-Tempel

In der für ein Nashorn typischen, stoischen Haltung steht ein ausgewachsenes Exemplar dieser archaisch wirkenden Tiere als Betonskulptur zwischen vier gedrungenen Pfeilern. Die Pfeiler sind ursprünglich im Metallguss verwendete Stahlkokillen und markieren die Eckpunkte eines durch eine Bodenplatte ausgewiesenen Bereiches. Sie überragen die Tierskulptur und wirken – noch mächtiger als diese – wie die Eckpfeiler eines Käfiges, in dem das Tier zur Schau gestellt wird.

Aber der Künstler Johannes Brus bezeichnet sein Werk als Nashorn-Tempel. Also eher eine Weihestätte zur Verehrung des für unsere Breitengrade so außergewöhnlichen Lebewesens? Sowohl das profane Material Beton als auch die Art der groben Bearbeitung sprechen eher gegen diese Deutung. Die rostige Oberfläche der Stahlsäulen weist diese als Relikte einer vergangenen Zeit aus. Doch zu Andacht und Verehrung scheinen sie wenig geeignet zu sein. Inzwischen sorgen die zahlreichen Graffitis auf den rostigen Formen für Farbe in diesem Ensemble. Sowohl mit als auch ohne Graffitis lenken die Pfeiler unsere Aufmerksamkeit auf das Nashorn, heben es aus der Umgebung heraus und lassen es besonders und kostbar wirken. Ein solcher »Tempel« steht nur einer außergewöhnlichen Spezies zu. Die Zurschaustellung eines Nashorns hat in der Geschichte eine lange Tradition. Ein berühmter Holzschnitt eines Nashorns von Albrecht Dürer sorgte im Jahr 1515 für Aufsehen, da zu dieser Zeit noch niemand in Mitteleuropa ein Nashorn gesehen hatte (auch der Künstler nicht). Obwohl wir heute das Rhinocerus als Foto, im Film oder im Zoo höchst lebendig betrachten können, hat es nichts von seiner Faszination verloren. Der Bildhauer und Fotograf Johannes Brus erforscht mit seinen Werken die Rolle unseres kulturellen Gedächtnisses und sucht nach universellen Bildern, die über die Grenzen der verschiedenen Kulturen hinweg Gültigkeit besitzen. Er experimentiert mit Materialien und tradierten Formen der Präsentation, deren emotionale Kraft überindividuell wirksam ist. Oft wirken seine Figuren wie Relikte aus vergangenen Zeiten, sie weisen Produktionsspuren auf, da Gussnähte nicht überarbeitet werden. Trotz ihrer Brüchigkeit und ihrer oft immensen Größe wirken die Skulpturen von Johannes Brus zumeist heiter und nicht wie heroisierende geschichtsträchtige Denkmäler.