Foto: Ferdindand Ullrich, Recklinghausen

Stadt
Mülheim an der Ruhr
Ort
Theodor-Heuss-Platz, Stadthalle
Künstler
Robert Schad
Jahr
1992
Maße
3,6 x 23,8 x 12,4 m
Material
Brunnenanlage Stahl

Robert Schad

Mülheimer Gruppe

Auf dem Vorplatz der Stadthalle in Mülheim an der Ruhr steht eine Brunnenskulptur von Robert Schad. Dem Ensemble aus Vierkantrohren hat der Bildhauer den Titel Mülheimer Gespräch gegeben: Verschiedene Formen kommunizieren mit dem Raum und dem Betrachter. Tatsächlich lassen sich gleich mehrere »Gespräche« vorstellen: 24 circa 2,5 Meter hohe, jeweils zu einer Spitze zusammenlaufende »Dreifüßler« stehen in Gruppen oder einzeln in und am Brunnen, derweil pflügen vier weitere Stahlrohre in langen flachen Winkeln durch das Becken und strecken ihre »Rücken« aus dem Wasser.

Das flache Brunnenbassin fungiert als zentraler Versammlungspunkt, der manche Stahlformen geradezu magisch anzuziehen scheint. Sechs große Stahlelemente überragen schließlich den Beckenrand und bilden monumentale Haken im Raum. Aus ihren abgewinkelten Enden speien sie in hohem Bogen Wasser ins Bassin. In der Mülheimer Brunnenskulptur bündelt Robert Schad verschiedene Kräfte: Zum Bewegungsspiel der in unterschiedliche Richtungen agierenden Stahlrohre kommt der reale Fließimpuls des Wassers hinzu. Dieser hat verschiedene Intensitäten: In Abhängigkeit vom Tageslicht fließt es bei Sonnenschein mit voller Kraft, bei bedecktem Himmel lediglich in Rinnsalen. Es scheint, als lebe diese Brunnenskulptur. Sie wirkt wie ein Spiegelbild der vielfältigen Bewegungen an diesem Ort, wie zum Beispiel der Besucher der Stadthalle, die sich vor einer Veranstaltung dort treffen. Robert Schad schreibt in der Erläuterung zu seinem Entwurf: »Die ›Mülheimer Gruppe‹ ist kein von mir abgeschlossenes Kunstwerk, das nach der Planung nur vergrößert werden muß. Sie ist eine ›All-over- Skulptur‹, die in Teilen überall in der Stadt auftauchen könnte und ihre Bezüge überall dort entwickelt, wo Menschen sich in Gruppen zuwenden«.1 Die Brunnenskulptur in Mülheim verkörpert mit ihrer vielschichtigen Dialektik von Statik und Bewegung, Schwere und Leichtigkeit, Raum und Materialität, Zeichen und Figur ein Grundprinzip im künstlerischen Schaffen von Robert Schad. Bewegung im Raum ist dabei ein Kerngedanke, dem Schad zunächst in Skizzen nachgeht, um dann im Anschluss mit dem Stahl in den Raum »zu zeichnen «, wie er es nennt. Diese stählernen Linien sind ursprünglich von menschlichen Körperhaltungen inspiriert, ohne jedoch abbildhaft zu sein. Vielmehr geht es Schad um eine Choreografie von Bewegungsimpulsen: »Ich versuche eher eine Art choreografische Spannung zu erzeugen, indem ich einer großen Skulptur eine kleine gegenüber stelle und einer bewegten eine total statische. Dadurch erzeuge ich so etwas wie ein ›Stahltheater‹, in dem sich […] immer wieder neue Bezüge herstellen. «2 In einem solch variantenreichen Stellungsspiel gerät der Betrachter zwangsläufig selbst in Bewegung: Es entsteht eine Interaktion zwischen Skulptur und Betrachter, die Robert Schad als wesentlich empfindet. Mit seinen schweren Stahlskulpturen versucht er stets, eine flexible Verbindung zwischen Mensch und Umgebung herzustellen, die es uns ermöglicht, im Prozess der Wahrnehmung Bewegung als eine Energie des Raumes und der eigenen Körperlichkeit zu erleben.


1
Robert Schad, zit. nach Böer, Claudia: »Robert Schad«, in: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 41, Heft 6, 1. Quartal 1998, S. 6.

2
Robert Schad, zit. nach Uelsberg, Gabriele: »Robert Schad. Motion – E-Motion«, in: Voyage. Jobst Tilmann – Malerei, Robert Schad – Skulptur, Ausst.-Kat. Kunstverein Münsterland, Pfalzgalerie Kaiserslautern u. a., Bönen 2002, S. 68.