Foto: Ferdinand Ullrich, Recklinghausen

Stadt
Marl
Ort
Theaterplatz
Künstler
Wolf Vostell
Jahr
1987/93
Maße
ca. 6 x 23 x 3 m
Material
Dampflokomotive mit Tender in Betonwanne und andere Materialien

Wolf Vostell

La Tortuga

La Tortuga lautet der Titel einer großen Raumplastik vor dem Theater in Marl. So schwungvoll der Name klingt, so paradox mutet der Zustand des Objekts an. Mitten aus voller Fahrt scheint hier eine alte Dampflokomotive mit Tender zum Halten gezwungen worden zu sein. La Tortuga – das heißt »Die Schildkröte« – liegt reglos auf dem Rücken. Endstation. Die Arbeit gilt als die wohl größte Skulptur des Aktionskünstlers Wolf Vostell und war von ihm 1988 für die Ausstellung Mythos Berlin zur 750-Jahr-Feier der Stadt konzipiert worden.

In dem Vergleich des einstigen Hauptverkehrsmittels des Industriezeitalters mit einer Schildkröte stellt Vostell Natur und Technik als zwei unterschiedliche Geschwindigkeiten einander unversöhnlich gegenüber. Dabei verwendete der Künstler nicht irgendeine Lokomotive für seine Skulptur, sondern entschied sich für eine aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Güterzuglokomotive der Baureihe 52, mit der die Deutsche Reichsbahn das Material an die Fronten, aber auch Menschen in Konzentrationslager brachte. La Tortuga ist ebenso Sinnbild für das Ende des Maschinenzeitalters wie für den Untergang der Menschlichkeit. Dies wird vor Ort auch zu einer akustischen Erfahrung: Aus dem Inneren des Tenders dringen Stimmen von Zeitzeugen nach außen, die sich vor allem mit der Deportation beschäftigen, sowie Zitate der Psalme 55, 56 und 57 aus der Lutherbibel von 1984, die einen Bezug zum Holocaust herstellen und die Ängste, Wünsche und Dankbarkeit der Opfer für Ihr Entkommen ausdrücken. Wolf Vostell betrachtete La Tortuga als Erlebnisplastik und Metapher für die verquere Situation der Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts. Nach seiner Vorstellung konnte die Gesellschaft nur wieder auf die Beine kommen durch eine neue Gesetzgebung und durch Kreativität. Hier zeigt sich die oft beschriebene Intention des Künstlers, Leben und Kunst zu vereinen. 1993 wurde die Skulptur nach Marl gebracht. Ihre Aufstellung vor dem Theater hat durchaus den Charakter eines Zeichens: War der Nationalsozialismus ein einziger Abgesang auf die menschliche Kultur, so sorgte die Stadt Marl 1952 mit diesem ersten Theaterbau in der Nachkriegszeit nicht zuletzt auch für eine Rückkehr der Kultur in Deutschland. »Die Menschen brauchen eine neue Revolution des Sehens und Erlebens unserer Zeit«.1 Wolf Vostell gilt als einer der Pioniere des Environments und der Videokunst wie auch des Happenings und der Fluxus-Bewegung, bei der die Grenzen zwischen Kunst und Alltag aufgehoben wurden. Dabei geriet immer wieder die politische und gesellschaftliche Realität in den Blick. Bereits sein erstes Happening im Jahr 1958 in Paris hatte Wolf Vostell Das Theater ist auf der Straße genannt und damit seiner Forderung nach einer Erneuerung der Kunst, die nicht mehr länger nur Überbleibsel in einem Museum sein sollte, unmissverständlich Nachdruck verliehen. Seine Skulptur vor dem Theater Marl ist als Kunst im öffentlichen Raum nun für alle sichtbar und bewahrt als rostiges Fossil halb unter Bodenniveau die Erinnerung an Sinn und Sinnlosigkeit einer vergangenen Epoche.


1
Wolf Vostell 1966, zit. nach: Wedewer, Rolf (Hrsg.): Vostell, Ausst.-Kat. Städtisches Museum Mülheim in der Alten Post u. a., Heidelberg 1992, S. 87.