Foto: Ferdinand Ullrich, Recklinghausen

Stadt
Duisburg
Ort
Innenhafen
Künstler
Dani Karavan
Jahr
1999
Material
Landschaftsgestaltung mit Architekturfragmenten

Dani Karavan

Garten der Erinnerungen

Die große »Skulptur« am Duisburger Innenhafen ist ein weitläufges Areal, das früher industriell genutzt wurde. Im Zuge der Neugestaltung des Stadtviertels nach Plänen des Architekten Norman Foster im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park (1989–99) schlug Dani Karavan vor, das Gelände nicht als Bauland freizugeben, sondern einen Garten der Erinnerungen zu verwirklichen. In Zeiten, in denen alte, zerstörte Bauten rekonstruiert werden, um das gesellschaftliche Gedächtnis wieder zu visualisieren, ist die Setzung des Künstlers erstaunlich.

Karavan »restaurierte« nicht und produzierte auch keine eigenen Skulpturen neu, sondern arbeitete mit den vorgefundenen, baulichen Strukturen. Er trug ganze Gebäude ab und ließ nur einzelne Teile stehen. So erschuf er architektonische Reste, die er neu gliederte. Es entstanden einzelne skulpturale Parzellen als horizontale Skulpturenbereiche oder vertikale Setzungen. Karavan betonte den ursprünglichen Charakter eines jeden Bauteiles. Er integrierte die Elemente der alten Architektur, die Umrisse einer ehemaligen Spar-Zentrale, alte Bürogebäude und Industriehallen. Zum Abriss bestimmte Gebäude blieben als architektonische Torsi erhalten. So wurden Treppenhäuser zu Aussichtstürmen und eigenwilligen Skulpturen, die den Garten akzentuieren. Karavan setzt sich mit den Folgen einer extensiven Industrialisierung auseinander, indem er den gebauten, jetzt nutzlosen Hinterlassenschaften ihre alte Funktion entzieht und ihnen ein neues Leben schenkt. Ohne diese visuellen Erinnerungen wäre die Geschichte am Innenhafen nicht so direkt erfahrbar. Karavan greift das Erbe nicht an, er visualisiert es durch Gestaltung. Die Besucher des Gartens flanieren an Ruinen vorbei, die nichts Romantisches in sich tragen. Beton, verrostete Moniereisen, elegante Hallenkonstruktionen, die im Himmel zu schweben scheinen, oder Wege, deren Pflaster aus Fundstücken neu zusammengesetzt wurde. Die Besucher werden mit vielen Fragen konfrontiert, die ihre Überlegungen von der Form über den fehlenden Inhalt und die neue Nutzung in politische Bereiche führt: Wem gehörten die Gebäude? Wozu waren sie da? Waren die Arbeitsplätze sicher? Wer hat hier gearbeitet? Welche menschlichen und ökonomischen Dramen haben sich hier abgespielt? Die Skulptur des Gartens trägt wichtige politische Bezüge in sich. Diese gesellschaftliche Inklination strebt der Künstler bewusst an. Es geht nicht einfach um die Schönheit und Perfektion einer Plastik, sondern um die sozialen Komponenten, von denen die Gebäudereste erzählen. Sie agieren dabei mit größter Offenheit. Nur eines vermittelt der Garten nicht: Idylle. Denn die Wirklichkeit, aus der er gewachsen ist, wird nicht versteckt, sondern zur harten visuellen Realität (vgl. die Arbeit von Herman Prigann). Für den Künstler aus Israel steht der Frieden im Zentrum seines plastischen Arbeitens als Bildhauer, Architekt und Städteplaner. Er ist kein Atelierkünstler, sondern einer, der Aufträge annimmt, um in vorhandene Strukturen künstlerisch einzugreifen. Karavan denkt ortsspezifisch. Christoph Brockhaus, damals die lenkende Hand im Hintergrund, schreibt über den Garten der Erinnerungen: »Die besonderen Qualitäten des ortsspezifischen Environments […] liegen in der immer neuen Kombination aus ortsspezifischer Inspiration, geometrischem bzw. stereometrischem Gestaltrepertoire und individuellen Findungen.« Karavan hat sich den Garten erarbeitet durch das Analysieren des Ortes, seiner Geschichte, seiner Eigentümlichkeiten, seiner Begrenzungen, seines landschaftlichen Umraumes. Dieses Wissen erlaubt ihm dann die Entscheidungen in Hinblick auf eine künstlerische Umsetzung, die einen ungekünstelten, objektiven Anspruch in sich trägt.