Foto: Jürgen Metzendorf, Marl

Stadt
Marl
Ort
Paracelsus-Klinik
Künstler
Karl Hartung
Jahr
1955/56
Maße
ca. 180 x 700 x 32 cm
Material
Bronze

Karl Hartung

Der Heilende-der Geheilte-der Kranke

Der Heilende – der Geheilte – der Kranke, die drei Figuren der Bronzeplastik von Karl Hartung empfangen die Besucher am Haupteingang der Paracelsus-Klinik in Marl. Sie sind an einer roten Klinkerwand direkt neben der großen Drehtür angebracht und wachen über den Vorplatz des Krankenhauses, auf dem sich bei gutem Wetter Patienten versammeln. Die Paracelsus-Klinik hatte bei ihrer Eröffnung 1955 medizinische Maßstäbe gesetzt: Von der überregionalen Presse wurde sie als das modernste Krankenhaus Europas gefeiert. Auch in der Kulturförderung beschritten die Marler Stadtoberen neue Wege. Ein großzügiger Prozentsatz der Baukosten, so schrieb es ein Ratsbeschluss von 1954 vor, sollte zur künstlerischen Gestaltung der Gebäude verwendet werden.

Neben der Finanzierung der Auftragsarbeit von Karl Hartung wurde für die Paracelsus-Klinik eine Reihe von Kleinplastiken angekauft – darunter Werke von Auguste Rodin, Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck. Sie bildeten den Grundstock für die heutige Sammlung des Skulpturenmuseums Glaskasten. Hartung war zur Zeit des Auftrags aus Marl einer der renommiertesten Künstler Deutschlands. Seine Plastiken waren in den 1950er-Jahren in fast allen wichtigen internationalen Ausstellungen vertreten. Ihre abstrakte Formensprache galt in der Nachkriegszeit als Symbol des Wiederanschlusses an die internationale Kunstentwicklung. Das Leid und das Helfen habe er in der Arbeit für die Paracelsus-Klinik sichtbar machen wollen, so Hartung. Aus den Gesichtern der drei Figuren ist jegliche Individualität verbannt – nicht um den Einzelnen geht es, sondern um das Menschliche an sich. Ungewöhnlich sind die tiefen Furchen und Scharten, welche die Körper der Figuren überziehen und ihnen ein verwittertes Aussehen verleihen. Bis Mitte der 1950er-Jahre hatte Hartung seinen Plastiken meist eine glatte Oberfläche gegeben, die Furchen zeigen eine neue Stimmung in seinem Werk und sind im Kontext der Marler Arbeit ein deutliches Zeichen für die Vergänglichkeit des Körpers. Hartung spielt in seiner Komposition mit dem Kontrast von Vertikalen und Horizontalen. Etwa auf Augenhöhe begegnet dem Betrachter die rechte der drei Figuren, die waagerecht liegende Gestalt des Kranken. Seinen Kopf hat er auf die Hände gebettet, die Beine sind leicht angezogen, das Gewicht des eigenen Körpers zieht die Figur nach unten. Gegenüber, auf der linken Seite der Gruppe, schwebt hoch aufgerichtet der Heilende. Er ist in ein fließendes Gewand gehüllt, unter dem sich die Körperformen nur schemenhaft abzeichnen. Die senkrechten Furchen, die sich über die gesamte Oberfläche ziehen, betonen die aufrechte Haltung der Figur, die leicht nach unten abgeknickten Füße unterstützen den Eindruck des Schwebens. Das Zentrum der Komposition nimmt die Figur des Geheilten ein. Sie vereint die schwere Körperlichkeit des Kranken mit den aufstrebenden Linien des Heilenden. Der Oberkörper der Figur ist leicht aufgerichtet, ihr Kopf ruht auf dem aufgestützten linken Arm, das Gesicht wendet sie nach oben, dem Himmel zu. Die Senkrechten und die Horizontalen, in den beiden anderen Figuren noch getrennt, bilden im Geheilten eine Synthese, sie schließen sich zusammen zu einem Bild des Dualismus von Leben und Tod, von Materie und Geist.