Foto: Andreas Ren, Bochum

Stadt
Essen
Ort
Emscherradweg nördlich der Schurenbachhalde
Künstler
Rita McBride
Jahr
2010
Maße
ca. 14 x 0,7 x 0,7 m
Material
Carbonfaser verstärkter Kunststoff

Rita McBride

Carbon Obelisk

Im Rahmen der Kulturhauptstadt RUHR.2010 präsentierte die amerikanische Künstlerin Rita McBride eine Skulptur, deren Form auf den ersten Blick bekannt, aber an ihrem Aufstellungsort zugleich befremdlich erscheint: Neben einem geschotterten Weg steht ein glänzender schwarzer Obelisk mit einer Gesamthöhe von nahezu 14 Metern, der aus kohlefaserverstärktem Kunststoff besteht. In einem rautenförmigen Muster sind die Bänder übereinandergelegt.

Der Titel des Werks Carbon Obelisk bezeichnet die Form und das Material der Skulptur klar und deutlich. Seit Jahrtausenden sind Obelisken eng mit ihren jeweiligen Aufstellungsorten verbunden. Repräsentativ standen und stehen sie an Orten von historischer Bedeutung. Die jüngere europäische Geschichte nahm sich ebenfalls der Obelisken an: Als Vermessungspunkte dienten sie im frühen 19. Jahrhundert zur Erstellung von Karten. Auch am Standort des Carbon Obelisk am Emscherradweg, der seit einigen Jahren die sogenannte Emscherinsel zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher als Naherholungsgebiet erschließt, ergeben sich bei genauerer Betrachtung weitreichende Bezüge zwischen der Spitzsäule und ihrer Umgebung: Auf einem kleinen Grünstreifen an einer Weggabelung und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Emscher wirkt die Skulptur wie die Markierung einer Wegteilung. Der Obelisk kennzeichnet, was sich gewandelt hat, und unterstreicht die sich verändernden Strukturen der Emscherregion. Das Material Carbonfaser verweist auf die Steinkohle und verbindet so Werk und Ort. »Carbon« bezeichnet nicht nur ein Material, sondern auch eine Periode der Erdgeschichte, in der vor über 300 Millionen Jahren die Entstehung der Steinkohle begann. Für Rita McBride ist zudem das Spiel mit Titel und Form der Arbeit sowie mit der Erwartung an einen traditionellerweise massiv gearbeiteten Obelisken entscheidend. Dieser Obelisk ist hohl und leicht und hat eine völlig ungewohnte Anmutung. Die vertraute Form verbindet sich hier mit dem Material der Zukunft, das zugleich seine Grundlage in der Erdgeschichte hat. Formal spielt das Werk auch auf die vielen Hochspannungsmasten an, die das Industrierevier nach wie vor prägen. An der Emscher ermöglicht die Aufstellung der Skulptur direkt am Wegesrand eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Werk und seiner Oberfläche. In direkter Nachbarschaft zur Schurenbachhalde, die aus mit der Kohle gefördertem überschüssigem Gestein besteht, wirkt die Weggabelung an der Emscher auf den ersten Blick nicht gleichermaßen prominent wie die weithin sichtbare Halde, die die Bramme für das Ruhrgebiet des Künstlers Richard Serra seit 1998 präsentiert. Doch steht auch die Weggabelung repräsentativ für einen Ort mit veränderter Funktion, an dem sich die Emscher, einst Abwasserfluss der Industrie, heute ebenso wie die Abraumhalde zu einem Bereich der Erholung entwickelt. Rita McBride markiert den sich verändernden Ort durch die Skulptur, damit schärft sie unsere Wahrnehmung und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die vielfältigen Aspekte des kulturellen Wandels in der Region.