Ruhr Kunst Nachbarn – Schüler entdecken Stadt und Museum

Das Projekt RuhrKunstNachbarn bietet ein umfangreiches, kostenfreies Workshop-Programm für Schulklassen aller Altersstufen. Das Ziel: die kulturelle Bildung mit einem neuen Ansatz fördern.

Extrem motiviert - anders lässt sich die Klasse 5d der Essener Gertrud-Bäumer-Realschule bei ihrem Besuch im Museum Folkwang und dem Kunstmuseum Bochum nicht beschreiben. Angeleitet durch je zwei Kunstvermittler entdecken die Schülerinnen und Schüler spielerisch verschiedene Formen von Kunst und das kostenlos. Denn: Die beiden Workshops sind Teil des Projekts RuhrKunstNachbarn.

Hinter dem Namen verbirgt sich das neue Kooperations- und Vermittlungsprojekt der 20 Kunstmuseen der Metropole Ruhr, die sich unter dem Namen RuhrKunstMuseen zusammengeschlossen haben. Gefördert durch die Stiftung Mercator bieten je zwei RuhrKunstMuseen ein gemeinsames Workshop-Programm für Schülerinnen und Schüler aller Schulformen und Altersstufen. Dieses ermöglicht den Kindern und Jugendlichen, ein beteiligtes Museum der Heimatstadt, ein kooperierendes Partnermuseum sowie die Standorte unter einem bestimmten Thema zu entdecken. "Mapping The City - Vom Stadtraum zum Kunstraum" lautet der Workshoptitel für die Klasse 5d. Organisiert hat die Teilnahme ihre Kunstlehrerin Natalie Dilekli. Ihr ist es wichtig, dass jedes Kind im Laufe seiner Schulzeit mindestens einmal ein Museum besucht hat. "Für die Kinder ist das Programm eine tolle Gelegenheit, zwei Museen ganz aktiv und kreativ kennenzulernen."

Erster Kontakt
"Wann und mit wem waren Sie zuletzt im Museum Folkwang?", fragt die zwölfjährige Schülerin Ajda eine Passantin in Essen vor dem Eingang der U-Bahn-Station Rüttenscheider Stern. "Ich war noch gar nicht im Folkwang, aber ich will da auf jeden Fall noch hin", sagt die junge Frau. Auf die Frage "Was verbinden Sie mit dem Museum Folkwang?" antwortet ein älterer Herr: "Bilderausstellungen, Kunstausstellungen, Skulpturen und Fotografien." In kleinen Gruppen befragen die Schülerinnen und Schüler die vorbeigehenden Passanten zu ihrem Verhältnis zum Museum. Die Antworten notieren sie in Sprechblasen, die später auf einem Stadtplan platziert werden. So soll das Museum nicht nur geografisch im Stadtraum verortet werden, sondern auch in sozialer Hinsicht: Wer geht regelmäßig ins Museum? Wer war noch nie dort? Welche Vorstellung vom Museum haben unterschiedliche Bewohner der Stadt? Vermittelt durch die Meinungen und Erfahrungen der Passanten entwickeln die Schülerinnen und Schüler eigene Erwartungen an den Ort.

Ortswechsel: anderthalb Wochen später in der Nähe der Bochumer Innenstadt am Kunstlichttor 12. "Wir gehen jetzt alle gemeinsam unter der Brücke durch und ihr guckt mal, ob ihr was entdeckt, was euch komisch vorkommt", sagt Kunstvermittlerin Rebecca Wassermann. Und tatsächlich: Auf der anderen Seite entdecken die Kinder oben zwischen den Metallstreben eine eher unauffällige Installation. Die dunkelgraue, fast schwarze Platte zeigt auf beiden Seiten eine Weltkarte und stammt vom Künstler Norbert Radermacher. "Wie hier findet ihr überall in der Stadt Zeichen und Spuren von Kunst", erklärt Kunstvermittler Udo Baggeröhr. Diese sollen die Schüler nun auf dem Weg zum Museum suchen und mit ihrem Handy fotografieren. "Das ist ein neuer Ansatz, den wir im Rahmen der RuhrKunstNachbarn verfolgen", erklärt Kerstin Kuklinski, die Leiterin der Kunstvermittlung des Kunstmuseums Bochum. Sie zeigt sich überzeugt: "Der neue Aspekt in den Konzepten der RuhrKunstMuseen, urbanes Lernen mit in den Fokus zu rücken, bewährt sich und wird sich auch zukünftig in anderen Vermittlungsformaten widerspiegeln."

Neue Impulse
Die Verbindung zwischen Stadtraum und Kunstraum zeigt sich in Essen auch darin, die Außenwahrnehmung der Passanten zu überprüfen. Im Inneren des Museums setzen die Schülerinnen und Schüler ihre Erkundung und Kartierung fort: Ausgestattet mit Skizzenblöcken und Buntstiften macht die Gruppe einen Rundgang durch die Sammlung. Dabei zeichnen die Schülerinnen und Schüler in schnellen Skizzen die Kunstwerke ab, die ihnen am besten gefallen, und kommen darüber ins Gespräch. Die Zeichnungen werden anschließend auf einem Museumsgrundriss angeordnet.

Ajda (12), Shirine (11), Havanur (11) und Fiona (10) haben sich für das Gemälde "Felsenlandschaft mit Wildbach" von Christian Ernst Bernhard Morgenstern entschieden. "Ich würde gerne in das Bild reinspringen", sagt Fiona, als die Klasse gemeinsam die für die Skizzen ausgewählten Ausstellungsstücke aufsucht. "Das Licht ist so schön. Ich würde es sehr genießen, da am Wasser zu sitzen." Insgesamt scheinen die Gemälde und Skulpturen die Fantasie der Lernenden anzuregen. Begeistert teilen sie mit der Gruppe ihre Eindrücke. Die Kunstvermittler treten in den Austausch mit ihnen, unterstützen sie mit Impulsen. Ansonsten überlassen sie aber den Kindern den Raum und halten sich eher im Hintergrund - wie auch Kunstlehrerin Dilekli und ihre Kollegin Barbara Waschk, Klassenlehrerin der 5d, die den Ausflug begleitet.

"Für die Lehrkräfte ist es, glaube ich, ganz schön, einmal Teilnehmer der Gruppe zu sein und die Schüler in einem anderen Kontext zu erleben", so Kerstin Kuklinski. Eine Vermutung, die sowohl Dilekli als auch Waschk bestätigen. Beide freuen sich über die positiven Effekte der Workshops. "Einige Schüler, die im Unterricht sonst sehr still sind, kommen hier richtig aus sich heraus", berichtet Waschk. Und ihre Kollegin Dilekli betont, wie gut die Schüler mitarbeiten: "Sie sind mit Feuereifer dabei und haben richtig Lust, sich einzubringen. Auf dem Weg zum Museum Folkwang mussten wir sie schon ein bisschen bremsen."

Aktiv und kreativ
In Bochum setzt sich die Begeisterung fort. Schon im Vorfeld seien die Kinder ganz aufgeregt gewesen, so Dilekli. "Die Schülerinnen und Schüler haben sich total auf den zweiten Termin gefreut." Entsprechend motiviert haben sie auf dem Weg zum Museum Beispiele für Kunst im Stadtraum fotografiert: Graffitis an Hauswänden, Aufkleber auf Laternen, gebastelte Fensterdekoration, ein mit Pflastersteinen gelegtes Muster. Jetzt dürfen sie sich selbst an einem Graffiti versuchen. Mit kreidebasiertem, wasserlöslichen Farbpigmentspray und Schablonen geometrischer Formen wagen die Schülerinnen und Schüler eigene gestalterische Arbeiten auf den Gehwegen. Am liebsten will jeder der Erste oder zumindest der Nächste sein. Aus Sicht von Kunstlehrerin Dilekli verständlich. "Das ist aber auch cooles Material!", flüstert sie Klassenlehrerin Waschk zu. Auch im Museum bleibt es praktisch: Inspiriert durch die als "Bochumer Wand" bekannte Wandmalerei von Katharina Grosse fertigen die Schülerinnen und Schüler eine gemeinsame spontane Malerei auf einer großflächigen Papierbahn. Geschützt durch bereits bunt besprenkelte Malkittel geht es an die Arbeit - mit Farbrollern, Sprühflaschen mit verdünnter Farbe, Zahnbürsten und Dosierflaschen.

Zur Grundierung kommen vor allem knallige Neon-Farben zum Einsatz: gelb, orange, pink und giftgrün, die die Mädchen und Jungen nach und nach schwungvoll mit den Farbrollern verteilen. "Die Schüler sollen nachvollziehen können, dass, wenn Kunst entsteht, damit auch immer ein körperlicher Aspekt verbunden ist", sagt Kuklinski. Das Bild wird zunehmend bunter. Die Kinder achten dabei darauf, dass es als Gesamtwerk funktioniert. "Guck mal da, da ist fast gar nichts", ruft Leonie ihrem gegenüberstehenden Mitschüler empört zu und zeigt auf eine weiße, noch unberührte Stelle. "In der Schule könnte ich so etwas gar nicht machen", sagt Kunstlehrerin Dilekli. Dafür gebe es weder den Raum noch die Zeit und auch das Material wäre zu kostenintensiv.

Gerade mit den Phasen, in denen die Kinder selbst aktiv sein zu dürfen, schaffen es die Kunstvermittler immer wieder, die Mädchen und Jungen während der zweistündigen Workshops von Neuem zu fesseln. Die elfjährige Nora schwärmt von der Wandmalerei Katharina Grosses und den Erfahrungen beim spontanen Malen: "Das Bild sieht aus wie eine Galaxie, mit so vielen Neonfarben, so bunt. Es hat dann total Spaß gemacht, sowas selbst zu malen. Wir konnten einfach malen, ohne nachzudenken." Der zehnjährige Mohamed ist vom Graffiti begeistert, das sie selber sprayen durften, und der gleichaltrige Firat fand es vor allem gut, dass "wir Kinder auch mal zeigen konnten, was wir alles können".

Ihre Erfahrungen und Kunstbegegnungen sollen die Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Projekts RuhrKunstNachbarn auch nach außen tragen. Zu diesem Zweck wartet im Museum Folkwang eine Postkarte auf sie. Diese dürfen sie im Anschluss an ihre Entdeckungstour im Werkraum mit ihrem Lieblingskunstwerk gestalten, bevor sie an ihre Eltern zu Hause verschickt wird. Im Kunstmuseum Bochum wählen die Kinder aus der Malerei der Vorgruppe drei kreisrunde Ausschnitte aus, die sie mithilfe ihrer Lehrerinnen in ihrer Schule oder einem Geschäft ihres Stadtteils aufhängen sollen. Ihre eigene gestalterische Arbeit, die zum Trocknen im Museum verbleibt, soll später wiederum die Schule und Heimatstadt der nachfolgenden Gruppe schmücken. "Diese Rückkopplung ist ebenfalls Teil des Projekts RuhrKunstNachbarn", sagt Kunstvermittlerin Kerstin Kuklinski: "So werden die Impulse nicht nur von draußen ins Kunstmuseum gebracht, sondern auch nachhaltig wieder zurück in das Lebensumfeld der Schülerinnen und Schüler."

 

Text: Anna Hückelheim
Fotos und Film Essen: Tina Umlauf
Fotos und Film Bochum: Tina Umlauf, Laura Millmann, Anna Hückelheim