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Ferdinand Spindel

o. T.

Witten

Andreas Ren, Bochum

Der Wittener Hauptfriedhof an der Pferdebachstraße ist in seiner Gestaltung typisch: Wege, Grasflächen, Bepflanzungen und Gräber mit unterschiedlichen Grabsteinen bestimmen das Umfeld. Da irritiert ein Objekt, das in seiner Form durchaus einigen der Grabsteine ähnelt, diese aber in den Maßen um ein Vielfaches übertrifft und autonom zwischen Bäumen auf einer Grasfläche steht.
Auch aus der Nähe betrachtet bleibt das Objekt zunächst rätselhaft: Auf drei Stahlständern befindet sich eine Betonwand, die 2,5 Meter in der Höhe und 8,5 Meter in der Länge misst. Ihre Tiefe variiert zwischen circa 50 Zentimetern und einem Meter. Ihre Oberfläche ist von weich geschwungenen Auswölbungen und Vertiefungen geprägt, die an Faltenwürfe einer Bettdecke oder auch an Sanddünen erinnern und so im Kontrast zu ihrem harten Material stehen. Auch die Ränder der Wand sind abgerundet, wirken fließend, weich. Der Beton strahlt Wärme ab und erweckt in geringer Distanz nahezu den Eindruck, lebendig zu sein. Je genauer der Betrachter schaut, desto mehr Leben nimmt er wahr: Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen – an einigen Stellen platzt die Oberfläche auf, Furchen sind verkittet worden, überall finden sich Fliegen, Spinnen und andere Insekten, die die Wand für sich entdeckt haben. Einer der nahe gelegenen Bäume umspielt sie mit seinen Ästen, Flechten haben sich an einigen Stellen angesiedelt. Es herrscht nicht mehr Betongrau vor, sondern die Oberfläche erscheint mit den Vertiefungen, dem Spiel von Licht und Schatten, den Spuren des Alterungsprozesses und dem Bewuchs in einem Farbspektrum von Braun-, Grün- und Grautönen. So gliedert sich diese Wand sehr gut in das Oeuvre des Künstlers ein, dessen Ziel es war, aus dem Künstlichen Natur zu schaffen und neue Erfahrungspotenziale zu erschließen:
Ferdinand Spindel begann sein künstlerisches Schaffen zunächst als Grafiker und Maler und wandte sich nach Experimenten mit plastischen Bildern der vollplastischen Arbeit zu. Als Materialien dienten ihm unter anderem Polyester, Styropor und vor allem Schaumstoff, aus dem er seine bekanntesten Werke schuf. Spindel ging es um eine Intensivierung der Wirklichkeitserfahrung, um das Erfahrbar-Machen von Raum, Licht und Material, das er, entgegen der ursprünglichen Bestimmung, in künstlerische Kontexte überführte und ästhetisierte, um schließlich ein neues Erleben in der Betrachtung des Rezipienten vorzubereiten. In diesem Sinn unterscheidet sich die Betonwand nicht nur durch ihre Größe und die Stahlständer von den Grabsteinen: Während diese an verstorbene Menschen und die mit ihnen verbundenen Emotionen erinnern, also nicht zuletzt an den Tod, verweist die Arbeit von Spindel auf sich selbst, auf ihr Material, auf das sie umgebende Licht, auf die Bewegung, mit der der Betrachter sie erschließt, auf seine Existenz auf diesem Stück Rasen in der Betrachtung einer Wand aus Beton.

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