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Günter Tollmann

Kinetische Plastik

Hamm

Ulrich Weißenburg, Hamm

Mit seinem skulpturalen Werk erlangte Günter Tollmann internationale Bekanntheit. Er war auf dem Gebiet der Bildhauerei Autodidakt und hatte an der Düsseldorfer Kunstakademie Malerei studiert. Zur Sicherung des Lebensunterhaltes seiner Familie legte er die Meisterprüfung im Malerhandwerk ab. Bald nach seinem Studienabschluss im Jahr 1959 konnte er erste Erfolge als Maler feiern.
1965 brach er überraschend mit der Malerei, nahm in den nächsten drei Jahren an keinen Ausstellungen teil und experimentierte mit für ihn bis dato unbekannten Materialien und Arbeitstechniken. Diese künstlerische Neuorientierung führte ihn zu mobilen, sogenannten kinetischen Plastiken, die vom Wind oder durch Menschenhand bewegt werden können. Sie finden sich heute an zahlreichen Standorten im öffentlichen Raum im In- und Ausland. Der abrupte Wechsel von der Malerei zur Bildhauerei überraschte das Publikum zunächst, wurde aber bereits 1969 zum zweiten Mal mit dem Kunstpreis der Stadt Gelsenkirchen, diesmal im Bereich Plastik, honoriert und fünf Jahre später in Paris mit dem Prix de la Jeune Sculpture ausgezeichnet. Die Kinetische Plastik aus dem Jahr 1976 vor der Hammer Musikschule zeigt, warum Tollmann seine Werke einmal als »Bäume der Zukunft« bezeichnet hat. Das Material Edelstahl, seine glänzende, reflektierende Oberfläche und die strengen, technisch anmutenden Formen wirken in der Tat futuristisch. Wie ein Baum übersteigt das Format die menschliche Figur. Wie eine Baumkrone sich über einem Stamm ausbreitet und im Wind bewegt, verzweigen sich im oberen Teil der Plastik mobile Formen auf einer feststehenden, überlebensgroßen Säule. Sie ist an ihrem oberen Ende in drei Trommeln unterteilt, von denen aus jeweils zwei symmetrisch angeordnete Quaderformen nach außen führen und in Zylinder münden. Diese drei knochen- oder keulenartigen Elemente sind beweglich und rotieren um die Mittelachse. Sie lassen sich dadurch zur Deckung bringen, dass sie mit der mittleren Vertikalen drei parallele Zylinder gleichen Umfangs bilden. Jedoch ist diese Konstellation nur eine sehr seltene von unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, denn nur der Wind, mithin der Zufall, könnte diese spezifische plastische Form hervorbringen. In Tollmanns Werk verbindet sich ein spielerisches Moment mit kompositorischer Strenge und technisch-konstruktiver Form. Aus wenigen reduzierten Einzelformen entstehen komplexe Raumgebilde. Die mobilen Elemente greifen aktiv in den (Luft-)Raum aus, können sich aber auch wieder in die geschlossene Form des Zylinders einfügen. Durch ihre stetige Veränderung bietet die Plastik immer wieder eine neue und andere Sicht. Tollmanns Interesse an Partizipation und Aktivierung der Betrachter ließ ihn ungewöhnliche Wege gehen. So verlegte er im Februar 1969 sein Atelier für einen Monat in den Museumsraum, in dem er mit Schneidbrenner und Schweißgerät bildhauerisch tätig wurde. Während dort der Prozess der Herstellung eines Kunstwerks beobachtet werden konnte, erfordern seine kinetischen Plastiken eine aktive Rezeption. Dazu eignet sich die Aufstellung an einem zentralen Ort im städtischen Raum in besonderem Maße: Zahlreiche Menschen begegnen dem Werk mehrmals und sehen dabei im Idealfall ein und dasselbe Kunstwerk in jeweils anderer Form. Die sich verändernde Plastik entspricht dem dynamischen Charakter der Stadt.

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