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Rolf Glasmeier

Der Ball

Gelsenkirchen

Andreas Ren, Bochum © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Spätestens seit der im Rahmen der Kulturhauptstadt RUHR.2010 initiierten internationalen Ausstellung EMSCHERKUNST.2010 ist der Inselstreifen zwischen der Emscher und dem Rhein-Herne-Kanal, der sogenannten »Emscherinsel«, als Ort künstlerischer Projekte bekannt. Doch schon 1985 schuf Rolf Glasmeier hier ein Kunstwerk. Dabei kann von vollständig neuem Erstellen nicht unbedingt die Rede sein, vielmehr gestaltete Glasmeier einen Gegenstand künstlerisch neu. In direkter Nachbarschaft zur Emscher und dem Kanal, dicht an einer Straße gelegen, ist ein Kugelgasbehälter wie eine Landmarke schon aus großer Entfernung sichtbar.
Während seine Form für das Ruhrgebiet, speziell für die Raffinerien in Gelsenkirchen, nicht untypisch ist, irritiert die von Glasmeier entworfene farbige Gestaltung. Der Behälter präsentiert sich wie ein Spielzeug in den dafür oft verwendeten Primärfarben: Blau mit gelben Punkten auf einem roten Gestell. Der Titel des Werks Der Ball verweist ebenfalls auf einen scheinbar spielerischen Zusammenhang. Wirkt die überdimensional große, bunt bemalte Kugel aus der Entfernung nicht nur gefahrlos, sondern scheint sie auch, wie es einem Ball eigen ist, eine gewisse Leichtigkeit zu besitzen, so verkehrt sich der Eindruck aus unmittelbarer Nähe: Der Kugelgasbehälter zeigt durch wuchtige Stützen sein Gewicht. Warnhinweise in nächster Nähe und eine Absperrung markieren die von ihm ausgehende Gefahr. Immerhin wird in derartigen Speichern brennbares Butan- oder Propangas mit einem Druck von bis zu 15 Bar komprimiert. Als Gründungsmitglied der nach dem Ruhrschnellweg benannten Künstlergruppe B1 zeigte Glasmeier bereits seine enge Verbundenheit mit der Region. Seit den 1960er-Jahren wurde er mit künstlerischen Neudefinitionen von handelsüblichen Gebrauchsgegenständen, den sogenannten Kaufhausobjekten, überregional bekannt. So nutzte er zum Beispiel Lüftungskästen oder Einkaufstüten und formte diese zu Kunstobjekten um. Ein solches Verfahren, alltägliche Gegenstände als Objets trouvés aus dem Alltag in die Kunst zu überführen, blickt bereits auf eine etwa hundertjährige Geschichte zurück, in der Künstler wie Marcel Duchamp oder Jean Tinguely handelsübliche oder entsorgte Gegenstände zu Kunst erklärten. Während Glasmeier mit seinen Kaufhausobjekten an diese Tradition der Verwendung alltäglicher Konsumgüter anknüpft, nahm er auf der Emscherinsel einen industriell genutzten Gasbehälter als Grundlage und schuf durch den Einsatz von Primärfarben das erwähnte Spannungsfeld der Gegensätze. Im Unterschied zu einem objet trouvé funktioniert diese Spannung jedoch insbesondere durch die Tatsache, dass der Behälter als Gasspeicher weiterhin genutzt wird. Die Diskrepanz zwischen der Gefahr, die nach wie vor von ihm ausgeht, und der harmlosen Anmutung eines bunt gestalteten Spielzeugs entsteht nicht zuletzt durch die veränderliche Wahrnehmung aus der Distanz und aus der Nähe.
So schuf Rolf Glasmeier, ehemaliger Professor für Kommunikationsdesign an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, nicht nur ein Kunstwerk, dessen Spannung sich im Wechsel von Imagination und Bewusstwerdung der Funktion eines Objektes erschließt, sondern hinterfragt auch unser Wahrnehmungsverhalten bezüglich eines Gegenstandes und dessen Verpackung.

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