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ARENA

Reiner Seliger

Flottmann-Hallen Herne, Herne

Was bringt einen Künstler dazu, aus einem Haufen Bauschutt, Ziegelbruch eine nicht begehbare Architektur ohne Fenster oder Türen zu errichten, völlig zweckfrei also, etwas schief in den Konturen – eine Art Trümmerromantik? Reiner Seliger räumt selbst eine Besessenheit ein, die ihn treibt. Das mag allenfalls den Antrieb erklären, das Spiel mit der Form, die Spannung des möglichen Scheiterns, die Balance zwischen Aufbau und Abbruch.
Reiner Seliger geht kontemplativ an sein Werk heran, das einerseits eine Grandezza der Ewigkeit ausstrahlt, und andererseits immer den Hauch temporärer Erscheinung in sich trägt. Die sich auftürmenden Arbeiten ähneln Archiskulpturen im baulichen Kontext, die kleineren Rundplastiken suchen geradezu die natürliche Umgebung. Reiner Seliger sagt selbst, er unterliege der „Lust am Architektonischen“. Dass hier also disparate Kräfte wirken, macht sein Werk so faszinierend.

Der Bildhauer ist den Urgründen der Skulptur auf der Spur. Seine Arbeiten wecken Assoziationen an archaische Riten, kultische Arrangements, memoriale Zeichen: Insbesondere der Ziegel ist einer der ältesten vorgefertigten Baustoffe. Geht man vom Ziegel weg, öffnet sich allerdings noch ein immenses Materialfeld in Seligers Schaffen. Es finden sich die Werkstoffe Backstein und Keramik, aber auch natürliche Materialien wie Marmor, andere Natursteine wie Schiefer, sehr häufig auch Kreiden. Dazu kommen gefertigte oder gemischte Stoffe wie Glas. Plexiglas. Styropor, Asphalt, Beton. Die Bandbreite ist nahezu unerschöpflich. Meist handelt es sich um Splitter, Bruchstücke, Schutt·und Abraummasse, aus denen der Künstler Kugeln, tropfenförmige oder ovaloide Objekte schafft
Das ist alles andere als zufällig – es macht einen Unterschied, ob es sich um ein Material mit erdgebrannter, kreidiger, gläserner oder steinerner Oberfläche handelt. Hier sind wir freilich weiter weg von der Architektur, zumindest in den stachligen, schrundigen, reinplastischen Rundformen, Kokons oder Kegelobjekten.
Es ist übrigens bemerkenswert, wie Seliger seine Arbeiten im Raum in Beziehungen setzt. Innen- und Außenraum stehen bei Reiner Seliger im Austausch: Je nachdem, ob wir die Arbeiten eher vom baulichen oder vom plastischen her wahrnehmen, denken wir sie als Zimmerplastik oder als Gartenobjekt, als Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen, oder als Teil einer Ruinenromantik. Es bleibt im Selbstverständnis seiner Kunst der Wille zur Vollendung und zur Zerstörung. Man wundert sich, wenn man von dem Bildhauer hört: „Vielleicht muss immer etwas zerstört werden, damit ein kreativer Arbeitsprozess in Gang kommt. Möge es aber nie die totale Zerstörung sein, wie es demnächst passieren könnte.“ Das lässt aufhorchen. Aus Bruch entstanden, fügt sich ja meist zusammen, was vorher schon zerstört war. Seligers Oberflächen sind so verletzlich (Ziegel) wie verletzend (Glas), robust (Stein) wie anfällig (Kreide). In der Fügung der zerbrechlichen Natur trotzen diese Materialien ihrer Zeitlichkeit.

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