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ANDERS NORMAL!

Revision einer Sehschwäche

Märkisches Museum Witten, Witten

Gender Gap in der Kunst – diesem wichtigen Thema widmet sich das Märkische Museum Witten im Herbst/Winter 2021/22 mit der Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“. Die französische Philosophin Simone de Beauvoir hat in ihrem zentralen Werk „Das andere Geschlecht“ (1949) aufgezeigt, dass Frauen in der männerdominierten Welt nicht als Normalität, sondern immer als das ‚Andere‘ wahrgenommen werden, was zu Benachteiligen führt.

Das weibliche Kunstschaffende auf dem Kunstmarkt und in der musealen Praxis in der Vergangenheit, aber auch noch in der Gegenwart eine untergeordnet Rolle spielen ist ein bekanntes Phänomen und spiegelt das allgemein gesellschaftliche Geschlechterungleichgewicht wider. Geschlecht ist auf vielfältige Weise in unser Leben und unsere Gesellschaft eingewoben. Ob in Bildung, Beruf, Familie, Freizeitgestaltung, Medizin, Politik und Medien – immer noch spielen Differenzen, Ungleichheiten, Hierarchien, Benachteiligungen und Unterdrückung auf unterschiedlichen Ebenen eine zentrale Rolle. Seit 2015 haben die Vereinten Nationen deshalb „Geschlechtergleichheit (gender equality)“ als eines ihrer zentralen Nachhaltigkeitsziele innerhalb der Agenda 2030 festgelegt. Auch die geführten Diskussionen um Frauenquoten in Unternehmensvorständen oder politischen Parteien, die ‚#MeToo‘-Debatte der letzten Jahre, die vermehrte Bewusstwerdung um die als selbstverständlich angenommen unbezahlte Care-Arbeit von Frauen innerhalb der Corona-Krise, u. v. m. haben gezeigt, dass die geschlechterspezifischen Machtstrukturen in unser Gesellschaft weiterhin zahlreiche Ungleichgewichte erzeugen. Um die unterschwelligen Machtverhältnisse und Marktstrategien aufgedeckt und langfristig Veränderungen in Gang setzten zu können, müssen auch Museen sich ihrer Strukturen bewusst werden und Veränderungen innerhalb der musealen Praxis vollziehen.

Das Märkische Museum Witten stellt sich mit der Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“ dieser Herausforderung in einem ersten Schritt und hat die eigene Kunstsammlung genauer untersucht. Herausgekommen ist, dass 10% des rund 5.300 Werke umfassenden Bestandes von 92 Künstlerinnen stammen. An diesen geringen Prozentsatz wird deutlich, dass in der Ankaufs- und Sammlungsstrategie des Museum weibliche Positionen zwar nicht ignoriert, doch aber eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Viele der Kunstwerke wurden teilweise Jahrzehnte lang nicht gezeigt und sind im Depot in Vergessenheit geraten. Dies wollen wir ändern und die Werke der Künstlerinnen ins Licht der Öffentlichkeit bringen.

50 Künstlerinnen von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart wurden aus dem Sammlungsbestand ausgewählt. Darunter befinden sich bekannte Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter oder Käthe Kollwitz, aber auch viele regionale Künstlerinnen, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten sind bzw. in den letzten Jahren wiederentdeckt werden. Dazu zählen unter anderem Ida Gerhardi (1862-1927), die um 1900 lange Zeit in Paris lebte und als Porträtmalerin große Erfolge feierte, aber auch die Hagener Künstlerinnen Lis Goebel (1884-1970) und Grete Penner (1892-1972), die in der zentrale Akteurinnen in der Kunstszene um Karl Ernst Osthaus waren. Auch Wittener Künstlerinnen von älteren Positionen wie Elisabeth Schmitz (1886-1954) bis zu aktuellen Malerinnen wie Susanne Stähli (*1959) sind zu sehen. Im Sammlungsschwerpunkt des Märkischen Museums Witten – der deutschen informellen Malerei und Grafik seit den 1950er Jahren – zeichnet sich eine Besonderheit ab: Im Wittener Sammlungsbestand sind kaum Künstlerinnen vertreten, die sich dieser Kunstrichtung gewidmet haben. Die Künstlerinnen der 1960er bis 1990er Jahre waren eher im Bereich der konkreten Kunst (z. B. Gerlinde Beck (1930-2006)) oder in der figurativen Malerei tätig (z.B. RISSA (*1938) und Maina-Miriam Munsky (1943-1999)) und haben dort ganz eigenständige Positionen entwickelt. Die Vielfältigkeit der künstlerischen Themen und Ausdrucksmöglichkeiten wird auch anhand der unterschiedlichen zeitgenössischen Positionen wie Frauke Dannert (*1979), Anna Holzhauer (*1980) oder Kirsten Krüger (*1966) sichtbar.

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