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Ossip Zadkine

Grand Orphée (Großer Orpheus)

Marl

Carsten Gliese, Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Am Ufer des City-Sees in Marl steht eine Bronzeplastik des russischen Bildhauers Ossip Zadkine. Mit ausgreifender Gestik scheint die Figur einen leidenschaftlichen Gesang anzustimmen, begleitet vom imaginären Klang einer Lyra. Aus leicht erhöhter Position trägt Orpheus sein Lied zum Himmel und in das Land hinaus. Die 1956 gegossene Plastik bildet den Abschluss der Auseinandersetzung Zadkines mit dieser Figur aus der griechischen Antike.
Orpheus, der Sohn des Apollon und der Muse Kalliope, galt unter den Sängern als der beste, er betörte Götter, Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine. Die Bäume neigten sich ihm zu, wenn er spielte, und die wilden Tiere scharten sich friedlich um ihn, selbst die Felsen weinten angesichts seines schönen Gesangs. Schon 1920 entstanden erstmals Figuren, denen Zadkine die Namen mythologischer Gestalten gab. Als Sohn eines Romanisten und Gräzisten wurde er mit den griechisch-römischen Mythen und deren Nacherzählungen bei Homer, Herodot und Ovid früh vertraut, und seine Begeisterung für die griechische Plastik wuchs später durch die unmittelbare Begegnung während einer dreiwöchigen Griechenlandreise. Auch in der Marler Skulptur klingt noch das Vorbild der archaischen griechischen Plastik in Gestalt des sogenannten Stand-Schreit-Motivs an, das von Zadkine aber expressiv aufgelöst wird. 1930 hatte sich Ossip Zadkine zum ersten Mal dem Thema des Orpheus zugewandt, damals noch ganz traditionell mit einer bekleideten Figur aus Ulmenholz, die auf einem Saiteninstrument spielte. 1948 nahm der Künstler das Motiv erneut auf und begann, das Instrument immer mehr mit dem menschlichen Körper zu verschmelzen. In dieser Entwicklung bildet der Grand Orphée in Marl den Schlusspunkt: Figur und Instrument, Mensch und Musik sind eins geworden. Doch Zadkines’ Orpheus ist auch ein Zerrissener: Der Oberkörper ist gespalten, und der Aufbau der Skulptur aus zwei Diagonalen lässt sie am Ende scherenartig auseinanderklaffen. Dramatisch deutet Zadkine den ganzen Schmerz des Orpheus an, der um den Verlust seiner Gattin Eurydike trauert. Dem Mythos zufolge war er in die Unterwelt hinabgestiegen, um durch seine Musik die Götter der Finsternis zu bewegen, ihm seine Geliebte zurückzugeben. Seine Kunst war so groß, dass ihm seine Bitte tatsächlich gewährt wurde – jedoch unter der Bedingung, dass er beim Aufstieg in die Oberwelt vorangehen und sich nicht nach ihr umschauen dürfe. Da er aber die Schritte Eurydikes nicht hörte, sah er sich um, und sie verschwand für immer in der Unterwelt. In der gebrochenen Silhouette der Marler Skulptur lässt sich Zadkines Auseinandersetzung mit der für den Kubismus typischen Mehransichtigkeit erahnen. Die Zerrissenheit seiner späten Figuren ist dabei zugleich Spiegelbild einer Welt voller Disharmonie in der Folge des Zweiten Weltkriegs. Noch ein weiterer Aspekt mag hier eine Rolle spielen: Orpheus, der sich nach der gescheiterten Befreiung Eurydikes von den Frauen losgesagt hatte und dies lautstark in seinen Liedern verkündete, wurde während einer Dionysos-Orgie von ekstatischen Thrakerinnen in Stücke gerissen. Dennoch war sein Gesang noch zu hören und machte ihn zu einem Symbol der Unsterblichkeit. So steht auch der Grand Orphée in Marl für das Widerstreiten elementarer Kräfte: für Schmerz und Trauer ebenso wie für ewige Schönheit und Harmonie: »Orpheus, das ist die Rivalität von dem glücklichen und dem unglücklichen Glauben an die Götter«.

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