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Zhong Biao

Zeichnungen der Corona-Zeit

Osthaus Museum Hagen, Hagen

(c) Atelier Zhong Biao

Die großformatige Zeichnung „Welt der Energie“ von Zhong Biao ( 2 x 5 Meter) ist ein Blick auf den Zustand der Welt in der Corona-Zeit des Jahres 2020. Der vielgereiste Künstler zitiert bildlich uns allen bekannte Orte zu einer nachdenklichen Einheit. Sein Blick auf Weltarchitekturen reicht über das jungsteinzeitliche Stonehenge sowie über den Turmbau zu Babel des Alten Testaments bis hin zum Brand von Notre Dame des Jahres 2019. Die beeindruckenden Szenen gesellschaftlichen Verhaltens nehmen die aktuelle Situation im Frühling und Sommer 2020 auf. Es ist die Maske, genauer: der Mund-Nasen-Schutz, der überdimensional präsentiert wird, somit als Bildheld definiert ist.

In „Welt der Energie“ vom 22.5.2020 begegnet uns noch vor dem halbfertigen Turm zu Babel ein futuristisches Wesen mit Kulleraugen und der Aufschrift: „Tokyo 2020“; es ist das Maskottchen der Olympischen Sommer-Spiele 2020, die im Juli und August hätten stattfinden sollen, und aufgrund der Krise um ein Jahr verschoben wurden. Von links nach rechts entdecken wir unter anderem: die Diamond Princess, einen modernen Luxusliner, auf dem 3700 Passagiere in Quarantäne bleiben mussten, insgesamt 705 waren infiziert, es gab mehrere Tote an Bord. Weiters sehen wir den Yellow Crane Tower in Wuhan, jener Stadt, in der die Pandemie ausbrach; daneben die Sagrada Famila, das Wahrzeichen Gaudis in Barcelona in spannungsvoller Untersicht mit Menschenknäueln, ein Zitat aus dem Werk: Tor der Hölle von Auguste Rodin. Unterhalb des Babelschen Turms sehen wir eine runde Ansicht, ein Schlüsselloch des Hotelzimmers, indem Zhong Biao während seiner Quarantäne-Zeit sich aufzuhalten hatte. Von außen vernahm er lediglich sprechendes Pflegepersonal, welches u.a Essen austeilte.

Ein Kurier-Flugzeug der chinesischen Firma SF befindet sich unten links und zeigt die Abfertigung von Atemschutzmasken; in enger Nachbarschaft überdimensionale Darstellungen von Corona-Viren. Unterhalb und oberhalb der Maske: das Brandenburger-Tor sowie das Colosseum Roms, dazwischen in einer Schlaufe der Maske ein Roboter (Name: „Newme“) mit Diplom und Handy, der statt der Universitätsabsolventen das Diplom entgegennimmt. Als Pendant hierzu sehen wir in der rechten Schlaufe der Maske ein Liebespaar mit heruntergezogenem Mundschutz vor dem Lei Shenshan Krankenhaus, welches in einer Rekordzeit von zehn Tagen in Wuhan aufgebaut wurde: Mühevolle Liebe in Corona-Zeiten. Oberhalb des Bildhelden, der überbordenden Maske, steht der Maler Zhong Biao selbst im Eingangsbereich einer gotischen Kirche und formt ein Liebeszeichen, hinter ihm das Euro-Zeichen sowie die Freiheitsstatue New Yorks, dem großartigen Wahrzeichen einer Stadt, die aufgrund großer Verfehlungen weltweit am stärksten betroffen ist.

Eine Fledermaus scheint über den Betten mit Corona-Patienten zu wachen, während die zweite sich über Kopf an den Rauchwolken Notre-Dames festhält, hier der Blick auf die Kirche von Südosten. Rechts hiervon sehen wir unterhalb einer Corona-Station einen Krankenwagen der israelischen Magen David Adom-Organisation, vor dem Wagen ein betender Muslim. Am unteren rechten Rand, unterhalb eines Friedhofs, bewegen sich Krankenschwestern und Ärzte in Schutzanzügen nach rechts, wo ein Kind und ein Mann, ehemalige Patienten, sich beim medizinischen Personal bedanken.

Zhong Biao hat in „Welt der Energie“ eine erzählerische Ikonographie für dieses spezifische Thema entwickelt, welches in seinem Werk in dieser Dichtheit bisher nicht zu finden war. Dieses großformatige Bild auf Papier ist die erste ernstzunehmende künstlerische Äußerung zur aktuellen Pandemie.

Tayfun Belgin, Juni 2020

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