Foto: Ferdinand Ullrich, Recklinghausen

Stadt
Herne
Ort
Kirmes-Platz, Dorstener Straße
Künstler
Helmut Bettenhausen
Jahr
2007
Maße
Höhe von Kreuz und Halbmond je 140 cm
Material
Eisen, Beton

Helmut Bettenhausen

Migrationsobjekt

Auf einem der bekanntesten Kirmesplätze der Republik steht seit 2007 Helmut Bettenhausens Migrationsobjekt, das in symbolkräftigem Gestus an die Geschichte der Arbeitsmigration im Ruhrgebiet erinnert. Von Fahrgeschäften umzingelt, verschwindet die Installation während der alljährlichen Cranger Kirmes im Tumult aus Menschen, Lichtern und Musik. Ist der Ort aber unbespielt, was an den meisten Tagen des Jahres der Fall ist, markiert sie frei und weithin sichtbar die Westseite des Platzes. Zwei rostige Eisenelemente, die ein christliches Kreuz und einen islamischen Halbmond darstellen, hat der Künstler auf den beiden gegenüberliegenden Dachkonstruktionen eines ehemaligen Luftschutzbunkers installiert, die an Kuppeln sakraler Gebäude erinnern. Auf der schwarzen Außenfassade des Bunkers zeugen Risse und Moos sowie die zugemauerte Türöffnung von der obsolet gewordenen Funktion des Bauwerks. Die ständig neuen Graffitis vermitteln hingegen den Eindruck von Aktivität und Lebendigkeit. Beiden Eigenschaften gemein ist das Unspektakuläre, im städtischen Raum Gewöhnliche. Der ehemalige Bunker würde kaum Beachtung erfahren, zögen nicht die religiösen Symbole aus Eisen die Blicke an.

Rostiges Eisen ist ein zentrales Material im Werk des 1935 in Wanne-Eickel geborenen Künstlers. Es steht in besonderer Weise für die industrielle Entwicklung des Ruhrgebiets und prägt das Erscheinungsbild der Region. Dieses Thema durchzieht Bettenhausens Arbeiten seit den 1960er-Jahren, sei es in Objekten und Installationen für den Innen- und Außenraum oder in konzeptuellen Aktionen. Seine Werke im öffentlichen Raum arbeiten dabei häufig mit dem Moment der Irritation, so auch das Migrationsobjekt. Als religiöse Symbole markieren Halbmond und Kreuz sakrale Bauwerke, deren Inneres der Zusammenkunft der Gläubigen dient. Von der Unwahrscheinlichkeit eines solcherart transreligiös genutzten Baus einmal abgesehen, sucht der Betrachter auf dem Cranger Kirmesplatz vergebens nach einem Eingang ins Gotteshaus. Die Neugier am Inneren prallt buchstäblich an den robusten Betonmauern des Bunkers ab.

Als im ausgehenden 19. Jahrhundert eine wachsende Zahl polnischer Arbeitsmigranten aus den preußischen Ostprovinzen ins Ruhrgebiet kam, hieß der heutige Herner Stadtbezirk Wanne, wo sich der Cranger Kirmesplatz befindet, im Volksmund »polnische Hauptstadt Westfalens«. Hier wohnten viele der sogenannten Ruhrpolen, die von den Zechen als Arbeitskräfte dringend gebraucht wurden. Wird dieses migrationsgeschichtliche Kapitel des Ruhrgebiets im Migrationsobjekt entsprechend der katholischen Konfession der polnischen Zuwanderer durch das Kreuz symbolisiert, so steht der Halbmond für die türkischen und kurdischen Migranten, die seit Anfang der 1960er-Jahre in die junge Bundesrepublik kamen. Beide Gruppen haben das Erscheinungsbild des Ruhrgebiets bis in die Gegenwart hinein nachhaltig mitgeprägt. Dem dynamischen Prozess der Migration hat der Künstler ein statisches Symbol aus beständigem Material entgegengesetzt. Indem jedoch das Eisen einen nach
wie vor bedeutenden Industriezweig des Ruhrgebiets verkörpert, stellt das Migrationsobjekt auch die Frage nach der postindustriellen Identität der Region und ihrer Bevölkerung.